Morgenandacht, 17.08.2017

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Gehorsam gegenüber der Schwerkraft

Sie brauchen schönes Wetter und gute Windverhältnisse, dann stürzen sich auch an diesem Wochenende wieder tausende von Menschen in die Tiefe. Beim Bungee-Jumping oder mit einem Gleitschirm ausgerüstet gehen Menschen ein hohes Risiko ein, um für ein paar Minuten der Schwerkraft zu entkommen und frei in der Luft zu schweben. Bevor man im 17.Jahrhundert entdeckt hat, dass die Gravitation eine auf den Körper von außen einwirkende Kraft ist, dachte man, alle Dinge hätten einen natürlichen Drang zum Erdmittelpunkt hin. Heute können Physiker exakt bestimmen, wie sich die Anziehungs- und Beschleunigungskräfte rund um den Globus auswirken.

Aber unabhängig von wissenschaftlichen Erklärungen spüren wir Menschen die große Sehnsucht, die Schwerkraft zu überwinden. In unserem ganzen Wahrnehmungsapparat, in unserer ganzen Körperlichkeit, bleiben wir von der Schwerkraft bestimmt. Das Treppensteigen wird mit jedem Jahr anstrengender und eine kleine Unachtsamkeit kann mich schon aus dem Gleichgewicht bringen.

Seit Millionen Jahren hat sich der Mensch der Schwerkraft zum Trotz bis zum aufrechten Gang entwickelt. Und schließlich kann er heute sogar durch die Luft fliegen, der Schwerkraft der Erde zeitweise entkommen und in beinahe völliger Schwerelosigkeit auf dem Mond landen. Die Schwerkraft ist also eine der grundlegenden Kategorien unseres Lebens. Und das ist sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Denn auch die Seele muss mit einer Art Schwerkraft kämpfen: Manchmal zieht es mich zum Beispiel immer wieder zu bestimmten Zeiten und Phasen meines Lebens hin. Manche Menschen leiden geradezu daran, dass sie immer wieder – ob sie wollen oder nicht - in die Vergangenheit gezogen werden. Weil da Dinge passiert sind, die sie nicht vergessen können. Die Menschen zum Beispiel, die den Weltkrieg erlebt haben, spüren, dass diese Ereignisse eine große Schwerkraft haben. Andere Menschen leiden an den Zielen, die sie sich für die Zukunft gesetzt haben. Denn plötzlich spüren sie, dass mit jeder Aufgabe und mit jeder neuen Herausforderung die Kräfte schwinden. Dann kann es passieren, dass die Gedanken schwer werden, das Herz schwermütig und am Ende landet man in einer langwierigen Depression.

Und schließlich kann man noch eine dritte Bewegung wahrnehmen, die das Leben schwer macht. Es zieht mich nämlich manchmal auch etwas zu mir selbst hin. Ich merke, dass ich jede Minute nur noch in meinen Gedanken kreise. Ich fange an, an mir zu zweifeln. Bin ich gut genug? Bin ich richtig so wie ich bin? Oder haben die Menschen Recht, die schon immer gesagt haben, dass aus mir einmal nichts werden wird? Es sind also die Wertungen und Bewertungen der eigenen Person, die eine Schwerkraft  besitzen und mich nach unten ziehen können.

Die französische Philosophin Simone Weil hat dazu gesagt: „Gib das Schwere dem Himmel, denn der Gehorsam gegenüber der Schwerkraft ist die größte Sünde.“ (Schwerkraft und Gnade, München 1952). Dies ist eine einfache Idee und gleichzeitig eine ganz tiefe spirituelle Weisheit: Wenn du spürst, dass du schwer wirst und dich etwas anzieht und nicht mehr loslässt, dann übergib das Schwere dem Himmel. Ich sehe da sofort Luftballons zum Himmel aufsteigen und denke, so einfach kann ich mein Schweres dem Himmel übergeben. Jedes Gebet ist letztlich so ein Loslassen des Schweren zum Himmel hin. Und ein zentrales Gebet des Christentums sagt mir schon im ersten Satz, wohin ich blicken soll, um den Gehorsam gegenüber der Schwerkraft abzulegen: Vater unser im Himmel...

 

 


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Dieser Beitrag wurde am 17.08.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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