Morgenandacht, 16.08.2017

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Eine kleine Hauskirche in der Provinz

Dura Europos war einst eine Garnisonstadt an den äußersten Grenzen des römischen Imperiums, im östlichen Syrien an der heutigen Grenze zum Irak. Die römischen Soldaten und ihre Familien pflegten alle möglichen Kulte und religiösen Praktiken. Und zu Beginn des 3. Jahrhunderts gab es dann auch so viele Juden und Christen in diesem Außenposten, dass sie sich bescheidene gottesdienstliche Stätten direkt an der Stadtmauer errichten konnten. Im Jahr 1931 entdeckten Archäologen in Dura Europos eine kleine Hauskirche, die wohl in der Zeit um 230 n. Chr. entstanden ist.

Diese Entdeckung war eine Sensation, man hatte damit die älteste bisher bekannte Hauskirche überhaupt freigelegt. Besonders spektakulär war, dass dieses frühchristliche Gemeindezentrum an einer Stelle ausgemalt worden war.  Unter den Szenen, die die Christen da an die Wand malten, findet man den Guten Hirten, Adam und Eva, die Frauen am Grab, die samaritanische Frau, Jesu Gang auf dem Wasser und die seltsame Geschichte von der Heilung des Gelähmten. Man sieht auf dem Fresko zunächst den Schwerkranken bewegungsunfähig auf seinem Bett liegen und dann den gleichen Mann, wie er sein Bett schultert und davon geht. Diese Geschichte ist wirklich erstaunlich:

Der Gelähmte ist ein Schwerstkranker, der nicht mehr für seine Familie sorgen kann. Aber er hat Freunde. Diese Freunde tragen ihn mit seinem Bett quer durch den ganzen Ort zu dem Haus hin, in dem Jesus Quartier genommen hat. Wahrscheinlich wurden sie ausgelacht: „Was wollt ihr mit diesem Gelähmten? Dem kann doch niemand mehr helfen!“ Und als sie ankommen, ist das Haus auch noch wegen Überfüllung geschlossen. Da führt kein Weg hinein. Aber sie lassen sich von nichts aufhalten. Sie decken das Dach des Hauses ab und lassen das Bett mit dem Kranken von oben her in den überfüllten Raum hinab, in dem Jesus predigt.

Man kann sich vorzustellen, welchen Aufruhr diese Aktion produziert. Jesus aber reagiert sofort. Er schaut auf das aberwitzige Vertrauen dieser Männer, unterbricht seine Predigt und wendet sich dem Kranken ganz persönlich zu. Und er sagt zu ihm: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ Da gibt es also keine Diskussionen darüber, von welcher Art die Sünden des Kranken gewesen sein mögen, sondern die schlichte Zusage: Alles, was in deinem bisherigen Leben falsch gewesen ist, womit du gegen Gott, gegen deine Mitmenschen und auch gegen dich selbst gehandelt hast, das ist nun Vergangenheit. Das muss auch nicht mehr aufgearbeitet werden. „Ich mache dich frei davon“, sagt Jesus, „du darfst einen völligen Neuanfang machen.“

Es ist eine prägnante Aufforderung, wenn Jesus zu dem Kranken sagt:“ Ich sage dir, stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim!“ Und der, der sich nun schon seit Jahren kaum noch selbständig regen konnte, steht auf, nimmt die Tragbahre auf die Schultern und geht davon, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. 

Die Menschen in Kapharnaum, wo die Szene spielt, sind außer sich. Sie begreifen nämlich, was hier passiert. Da werden einem Menschen ganz neue Lebenschancen eröffnet, indem ihm die Vergebung seiner Sünden wirkmächtig zugesprochen wird. Da ereignet sich eine wunderbare Heilung, die sich medizinischen Erklärungsversuchen entzieht. Genau diese Situation hat sich die Gemeinde von Dura Europos an die Wände ihrer Kirche malen lassen. Die Christinnen und Christen dieser Stadt in der tiefsten römischen Provinz hatten begriffen: Hier ist etwas Entscheidendes passiert, was für alle Zeiten gilt, auch für uns heute. Wo Gott Sünden vergibt, heilt er unser verfehltes Leben.

Gott macht mich tatsächlich frei von den Lasten der Vergangenheit. Da wird Schuld nicht abgeschrieben, da wird nichts zugekleistert oder verdrängt, da gibt es vielmehr die fröhliche Gewissheit: Ich darf noch einmal neu anfangen, weil Gott zu mir steht. Jedes Mal, wenn ich so etwas erlebe, heißt das für mich: Da werde ich als Mensch noch einmal neu geboren.


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Dieser Beitrag wurde am 16.08.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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