Morgenandacht, 15.08.2017

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

Erhoben werden

In den heißen Sommertagen erinnere ich mich immer wieder daran, wie unangenehm mir die Sommerhitze als Kind war. Besonders unerträglich fand ich es, wenn meine Eltern am Wochenende lange Spaziergänge mit mir unternahmen und wir keine Getränke mitgenommen hatten. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. Natürlich wusste ich genau, wie ich mich verhalten musste, damit das anstrengende Marschieren ein Ende fand. Während ich sonst immer meinen Eltern einige Meter voraus war, ließ ich mich nun allmählich zurückfallen. Als meine Mutter plötzlich merkte, dass ich nicht mehr um sie herum lief, schaute sie zurück und rief: „Ja armer Bub, kannst Du nicht mehr laufen?!“ Dann blieb mein Vater stehen und ich fing an, mich auf den Moment vorzubereiten, der der schönste an diesem Wochenende werden sollte: der Augenblick nämlich, als mein Vater mich mit seinen starken Armen ergriff, langsam emporhob und dann auf seine Schulter setzte. Dann wich schlagartig alle Müdigkeit aus meinen Knochen und ich betrachtete die Umgebung voller Neugier. Denn jetzt konnte ich Dinge sehen, die mir zuvor gänzlich verborgen geblieben waren.

Emporgehoben zu werden ist für Kinder etwas unglaublich Schönes. Emporgehoben werden ist eine andere Erfahrung, als selbst irgendwo hinauf zu klettern. Emporgehoben werden ist etwas Erlösendes: ich werde nämlich von der Schwerkraft und der Anstrengung befreit, ohne dass ich dazu irgendetwas selbst tun müsste. Und ich spüre in meinem Körper eine Kraft, die mich in die Höhe trägt.

Später als Jugendlicher will man solche Hilfestellungen dann nicht mehr so gerne in Anspruch nehmen, da will man lieber die eigene Kraft spüren.

Das geht dann lange so im Leben weiter, bis dann im späteren Lebensalter die Frage wieder auftaucht: was wird aus mir werden?! Was wird aus mir werden, wenn ich älter werde und die Kräfte schwinden? Was wird aus mir werden, wenn ich in die letzte Lebensphase eintrete? Was wird aus mir, wenn mein Leben zu Ende geht? Mit diesen Fragen beginne ich dann wieder aufs Neue, nach Kräften zu suchen, die mich tragen. Vielleicht sogar nach dem Tod in etwas Neues hinübertragen. So wie es die Katholiken heute mit dem Fest Maria Himmelfahrt feiern.

Da steht die Überzeugung im Mittelpunkt, dass Maria von Gott emporgehoben und „mit Leib und Seele“ in den Himmel aufgenommen wurde. Die Formulierung „mit Leib und Seele“ meint: als der ganze Mensch, der sie auf Erden war, wurde Maria in den Himmel aufgenommen, mit all dem, was für sie charakteristisch war.

Die Bibel erzählt, dass Gott Maria ja von Beginn an schon dadurch herausgehoben hat, dass sie die Mutter seines Sohnes wurde. Umso mehr ist für mich das Bild schlüssig, dass Maria von Gott wieder empor gehoben wird nach ihrem irdischen Leben; als „erhabne“, also: „erhobene“ Frau wird sie von den Gläubigen dann auch angesprochen. In einem Lied, das das Neue Testament überliefert hat,  besingt Maria, wie sie die Kraft Gottes erlebt und deutet. Im berühmten Magnifikat heißt es unter anderem: „Gott erhöht die Niedrigen“. Dies kann man als eine Zusammenfassung ihrer Glaubenserfahrungen sehen. Wer mit Gott in Verbindung steht, erlebt dessen Kraft als ein Emporgehoben werden. Ganz gleich, welche Mächte, Menschen oder Systeme ihre machtgierigen Arme nach mir ausstrecken, es gibt eine Kraft, die mich aus den bedrückenden Zusammenhängen immer wieder herausholt, wenn ich in den Sorgen und Mühen des Lebens zu versinken drohe.

Damit verknüpft ist für mich die Hoffnung, dass Gott mich auch einmal so erheben wird wie Maria, wenn mein Leben zu Ende geht. Und ich dann für immer diese wunderbare Erfahrung in den Armen Gottes machen kann, die ich als Kind in den Armen meines Vaters machen durfte: dass er mich aus meinen irdischen Verstrickungen und Belastungen emporhebt und mir einen Platz bei sich gibt, von dem aus ich alles mit neuen Augen sehen kann.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 15.08.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche