Morgenandacht, 14.08.2017

von Pastoralreferent Dietmar Rebmann aus München

In der Werkstatt des Großvaters

Mein Großvater war Schuster und hatte eine kleine Werkstatt in seinem Haus. Als kleiner Junge durfte ich an seinem Werktisch sitzen und Nägel in kleine Bretter klopfen oder Lederstücke zusammenleimen. Das war in den 60er Jahren.

Manchmal habe ich heute noch den Geruch des Leders in der Nase. Und ich sehe meinen Großvater vor mir, wie er morgens um neun Uhr die Tür zu seiner Werkstatt aufschließt. Kurz darauf kommen schon die ersten Besucher, es sind ältere Männer aus dem Dorf. Besonders spannend ist es immer montags, denn da gibt es für sie drei wichtige Themen zu besprechen: die aktuellen Fußballergebnisse, die Lottozahlen vom Wochenende und die Schlagzeilen in der Zeitung. Besonders in Erinnerung ist mir, dass die Männer häufig über den Vietnam-Krieg sprechen. Ich wusste damals nicht, was das ist. Es klang fremdartig, es klang nach „weit weg“, aber ich merkte, dass es ein wichtiges Thema ist.

Ich klopfe also weiter meine Nägel und warte schon gespannt, wann sie heute wieder auf das Thema zu sprechen kommen, das sie jeden Tag beschäftigt: ihre eigenen Erfahrungen mit dem Krieg. Sie erzählen über ihre Erlebnisse als Soldaten, über die Kameraden, die gefallen sind, die Granaten, die neben ihnen eingeschlagen sind und sie nur knapp verfehlt haben, und über die schlechte Verpflegung vor allem im Winter.

Am Ende ihrer Rückschau atmen sie erleichtert auf. Ohne dass sie es sagen, klingt es für mich wie: „Gut, dass wir das alles überlebt haben“. Da muss ich auch als Kind mit aufatmen. Und ich als kleiner Bub fühle mich geborgen in dieser Runde von Männern, die einen grausamen Krieg überstanden haben.

Wenn ich heute an den Gräbern meiner Großeltern stehe, habe ich dieses Gefühl noch in mir, dass ich bei ihnen gut aufgehoben bin. Und ich wundere mich dann, dass so ein Gefühl aus meiner Kindheit auch heute noch ganz real für mich ist. Ich stehe am Grab und kann aufatmen. Ich glaube, dass meine Vorfahren auf mich aufpassen. Und wenn ich Sorgen habe, denke ich daran, was sie alles meistern mussten; sie haben den Krieg und die schwere Zeit des Neuaufbaus durchgestanden. Getragen von der Hoffnung, dass sie es schaffen werden. Wenn ich dann am Sonntag in der Kirche gesessen bin zwischen meinem Großvater und meiner Großmutter, dann habe ich an ihrem Gesang und ihrem kräftigen Gebet gespürt, dass sie sich ganz fest auf Gott verlassen. Das war dann auch ein gemeinsames, ein kollektives Aufatmen zusammen mit all den Menschen, die dieses Vertrauen in Gott teilten.

Heute gehe ich ganz bewusst an die Gräber meiner Vorfahren, um mir ihren Segen zu holen, indem ich mich an diese Kindererfahrungen intensiv erinnere. Ich spreche mit meinen Großeltern und kann gut verstehen, dass die Menschen in Zeiten der Bibel sich besonders auch an ihre Vorfahren erinnert haben. Das wird schon im Gottesnamen deutlich: der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie es im Alten Testament immer wieder heißt. Und sie erinnerten sich an die schwierigen Zeiten, vor allem an die Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten und an den Auszug durch das Rote Meer. Auch hier kann man das Aufatmen aus den Texten heraus spüren. 

Vielleicht fehlt uns modernen Menschen manchmal eine stärkere Anbindung an solche Erfahrungen früherer Generationen. Wir leben ganz zukunftsorientiert und blicken nur noch ängstlich auf all die düsteren Bilder, die uns täglich in den Medien ganz aktuell präsentiert werden. Der Blick zurück schließt mich aber an eine Kraft an, die einfach da ist, ohne dass ich etwas Besonderes dafür tun muss.

Und so wünsche ich mir, dass meine Enkelkinder einmal an meinem Grab aufatmend zu mir sagen werden: „Opa, du hast es geschafft, wir schaffen es auch.“


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Dieser Beitrag wurde am 14.08.2017 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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