Wort zum Tage, 14.07.2017

von Beate Hirt aus Frankfurt

Alles hat seine Zeit

„Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“ An diese Bibelstelle (aus dem Buch Kohelet) muss ich jetzt in der Ferienzeit öfter mal denken. Denn in unserer Welt geht’s ja oft anders zu: Da hat alles zu jeder Stunde seine Zeit. Und immer müssen wir online und verfügbar sein. Aber diese Bibelstelle sagt: „Es gibt eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen… eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren… eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen.“ (Kohelet 3) Und ich möchte am liebsten ergänzen: Ja, es gibt auch eine Zeit zum Arbeiten und eine Zeit zum Erholen. Eine Zeit, in der ich mich zerreiße zwischen all meinen Pflichten – und eine Zeit, in der ich mich sozusagen wieder zusammennähe. Und auch diese Zeit ist wichtig und hat ihre Berechtigung.

Moderne Zeitforscher sagen schon lange: Auch solche Ruhezeit ist eben keine verlorene Zeit. Sie ist wichtig. Die Pause und die Erholung müssen sein und haben ihre Berechtigung. Die Experten warnen davor: Wenn wir immer schneller, immer pausenloser leben, dann geht nicht nur die Gesundheit Einzelner vor die Hunde. Auch die Gesellschaft und sogar die Wirtschaft insgesamt kann Schaden leiden durch solch eine ständige Beschleunigung und Beschäftigung. Mein Lieblingsbuch zu diesen Zeit-Fragen heißt: „Lob der Pause. Warum unproduktive Zeiten ein Gewinn sind.“ Der bekannte Zeitforscher Karlheinz Geißler hat es geschrieben.

Er macht darin klar: Es geht nicht darum, nun plötzlich alles ganz langsam und bedächtig zu erledigen. Natürlich muss es manchmal schnellgehen. Aber dann braucht es eben auch die Zeiten, in denen ich einen Gang runterschalte. Geißler nennt das „Enthetzen statt Entschleunigen!“ Und als Beispiel dient ihm der Hotelbetrieb: Da ist es gut, wenn Hotelgäste möglichst rasch ihren Zimmerschlüssel bekommen. Aber das Hotelmenü am Abend, das möchten sie dann doch lieber ohne Hetze genießen.

Ganz wichtig sind Karlheinz Geißler aber die Pausen. Er nennt sie „Leuchttürme des Daseins“. Sie sind nötig, damit der Mensch über das nachdenken kann, was er vor und nach der Pause tut. Damit er zu Erkenntnissen und zur Selbsterkenntnis kommen kann. Damit er neue Kraft gewinnt. Geißler lobt die Pausen im Alltag, die Mittagspause,  den Sonntag oder auch den Schlaf. Ich freue mich jetzt im Sommer besonders auf meine lange Pause, den Urlaub. Ich hab mir fest vorgenommen: Ich werde die Dienstmails abschalten und das Leben mal wieder richtig langsam angehen. In der festen Überzeugung, aus Bibel und Zeitforschung: Es gibt eine Zeit zum Arbeiten – und es gibt eine Zeit, alle Arbeit ruhen zu lassen.


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Dieser Beitrag wurde am 14.07.2017 gesendet.


Über die Autorin Beate Hirt

Beate Hirt ist Senderbeauftragte der katholischen Kirche beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Sie studierte katholische Theologie und Germanistik in Mainz und Paris. Danach war sie als Persönliche Referentin beim Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann tätig. Seit 2003 ist sie Rundfunkbeauftragte des HR. Sie schreibt und liest gern, am liebsten über Gott. Inspiration und Entspannung findet sie beim Joggen, Wandern und Singen. Kontakt: info@kirche-im-hr.de www.kirche-im-hr.de

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