Morgenandacht, 08.07.2017

von Weihbischof Matthias König aus Paderborn

Berufung zum geistlichen Leben

„Dass es so etwas noch gibt.“ Das hat mancher gedacht, der vor einiger Zeit im Fernsehen den Film über eine Frau sehen konnten, die mit über 40 Jahren in einen Orden eintritt. Sie hatte bis dahin ein erfülltes Berufsleben gehabt, hat länger in einer Partnerschaft gelebt, aber dann in ihren mittleren Jahren erkannt, dass irgendetwas sie zu einem geistlichen Leben in Gemeinschaft zieht.

Vor wenigen Generationen war so etwas gar nicht so exotisch wie es heute erscheint. Seit dem sogenannten „Klosterfrühling“ in der Mitte der 1850er Jahre sind Zehntausende von jungen Frauen und Männern in die verschiedenen Orden der Kirche eingetreten und haben als Missionarinnen und Missionare die ganze Welt durchzogen. Aber wenn heute jemand sagt, er gehe ins Kloster -  gerade auch eine junge Frau -, dann ist der Bekanntenkreis fast geneigt, sie zum Psychiater zu schicken oder auf sie einzureden, sich solch‘ eine spinnerte Idee doch bitte aus dem Kopf zu schlagen.

Der Blick in die Geschichte unseres Landes, in dem es kaum noch Ordensleute gibt, die im allgemeinen Leben sichtbar sind, macht deutlich, dass viele Bereiche unseres Erziehungssystems,  der Gesundheitsfürsorge, der Pflege von behinderten, alten und kranken Menschen, oft durch Ordensleute angeschoben und über lange Generationen hin mit Leben gefüllt worden sind. Längst sind die meisten Werke dieser Art in Stiftungen umgewandelt und in andere Trägerschaften übergeben worden.

Aber das Beispiel dieser Frau, von der ich anfangs erzählte, macht deutlich: es gibt immer noch die Berufung zu einem geistlichen Leben. Nur haben es gerade junge Menschen heute viel schwerer, sie wahrzunehmen und ihr zu folgen. Es scheint in unserer Welt und Zeit einfach verrückt zu sein, das eigene Leben einer so „verlorenen Sache“  wie der Kirche zu widmen.

Mir begegnen allerdings solche Menschen auch heute immer wieder mal. Ich kenne eine junge Frau, die seit ihrer Jugend wusste, dass sie in eine indische Ordensgemeinschaft eintreten wird. Das hat sie sehr konsequent verfolgt, trotz aller Widerstände aus ihrem Umfeld. Sie hat die fremde Sprache gelernt und sich mit der Kultur vertraut gemacht. Heute ist sie Ordensfrau und studiert auf dem Subkontinent als Mitglied einer indischen Gemeinschaft, um eines Tages als Lehrerin zu wirken. Das ist sicherlich ein ungewöhnliches Beispiel, wie jemand eine Berufung zum geistlichen Leben umsetzt.

Viele Menschen wissen gar nicht, dass es neben dem Kloster eine ganze Fülle von anderen Formen gibt, wie ich einer solchen Berufung auch noch entsprechen kann.

So gibt es heute – wenn auch auf niedrigem Niveau - eine wachsende Zahl sogenannter „Geweihter Jungfrauen“. Das klingt zunächst sehr befremdlich. Doch dahinter verbergen sich handfeste Frauen, die in der alltäglichen Welt leben und sich durch nichts von anderen äußerlich unterscheiden. Doch sie haben ihr Leben sehr bewusst Gott in die Hände gegeben, verzichten auf die Ehe und versuchen, geistlich diese Welt zu prägen.

Es gibt auch Menschen, die haben ein privates Versprechen gegeben und versuchen auf ihre Weise, als betende Menschen Gott in dieser Welt lebendig zu halten und anderen dadurch Gutes zu tun.

Und es gibt in allen Bereichen unseres auch öffentlichen Lebens immer noch mehr Menschen als wir es für möglich halten, die aus einem festen Glauben ihre Kraft ziehen. Berufung bedeutet allerdings auch hier, dass nicht jeder Mensch so leben kann oder will. Jeder muss für sich seinen Weg finden.

Dazu kann auch gehören, dass ich mich zu einem Leben ohne Gott entscheide, weil ich nicht an ihn glauben kann oder weil er mir nichts bedeutet oder weil ich nie einen Zugang zum Glauben gefunden habe.

Die letzte große Kirchenversammlung in der katholischen Kirche, das zweite Vatikanische Konzil, hat gesagt, auch solche Menschen können ein erfülltes Leben führen, wenn sie ihrem Gewissen folgen.

Wer das tut, der kann dazu beitragen, dass es in der Welt gerechter, menschlicher und auch ein ganzes Stück freundlicher zugeht.


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