Morgenandacht, 10.06.2017

von Pater Norbert Cuypers SVD aus Berlin

Die drei Siebe

Autor
Was müssen wir Menschen uns im Alltag nicht alles anhören: das Gerede unserer lieben Nachbarn, die sich das Maul zerreißen über den schwulen Mieter von nebenan; den Tratsch der Obstverkäuferin auf dem Wochenmarkt, die genau weiß, wo die Politik in der Flüchtlingsfrage versagt hat oder die ständige Nörgelei des Abteilungsleiters, der nie zufrieden ist mit den Mitarbeitern. Anstrengend ist das und mühsam. Da ist es manchmal auch wichtig, unsere Ohren einfach auf Durchzug zu stellen – oder sich zumindest gut zu überlegen, was wir uns wirklich anhören wollen oder eben auch nicht. Davon handelt auch die Geschichte über die drei Siebe des Sokrates:

Sprecherin
„Aufgeregt kam der Schüler zu Sokrates gelaufen. „Hast du das gehört, Meister, was die Leute reden? Das muss ich dir gleich erzählen.“ „Moment mal“, unterbrach ihn der Weise. „Hast du das, was du da gehört hast, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Drei Siebe?“ fragte der Schüler voller Verwunderung. „Ja, mein Lieber, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du gehört hast und mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“ „Nein, ich hörte es irgendwo und...“ „So, so! Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du gehört hast - wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist -, so doch wenigstens gut?“ Zögernd sagte der Schüler: „Nein, das nicht, ganz im Gegenteil.“ „Aha“ unterbrach ihn der weise Sokrates. „So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es wirklich notwendig ist, mir das zu erzählen, was du gehört hast.“ „Notwendig nun gerade nicht…“ Da lächelte der Weise und sprach: „Wenn das, was du gehört hast, weder wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“

Autor
Für unser zwischenmenschliches Miteinander ist es wichtig, was wir uns anhören wollen und was nicht. „Du hast das Recht, dir etwas nicht anzuhören, nicht teilzuhaben an Worten, die du nicht bewohnen willst. Innerlich oder äußerlich, wortlos oder laut kannst du dich abwenden“ , lese ich bei Ulrich Schaffer. Schwerhörige Menschen haben ja tatsächlich den Vorteil, dass sie nicht das dumme Geschwätz anderer hören müssen. Sie plagt ein ganz anderes Problem. Inmitten von Menschen fühlen sie sich sehr schnell isoliert, einsam, missverstanden. Beethoven beispielsweise war bereits als 28jähriger schwerhörig und deshalb kein leichter Zeitgenosse. „Wie ein Verbannter muss ich leben“, soll er einmal gesagt haben. Harte Worte, aber sie sind auch wahr: Wer nicht hört, gehört oft auch nicht dazu, denn Hören ist ohne Zweifel eine wesentliche Grundlage in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

In einer gesunden Beziehung hört der eine auf den anderen. Das weiß auch die Bibel. Im ersten Buch der Könige, im Alten Testament, wird beispielsweise davon berichtet, dass sich der junge König Salomo von Gott nichts sehnlicher wünscht, als ein hörendes Herz, damit er als ein guter König seinem Volk dienen kann. Diese einzigartige Bitte wurde ihm tatsächlich von Gott gewährt. So war Salomos Regentschaft von diesem „hörenden Herzen“ geprägt. In seiner Zeit ging es dem Volk Israel gut. Tatsächlich geht es auch mir gut, wenn mir jemand wirklich mit dem Herzen zuhört. Jemand mit Sachverstand. Vor allem aber jemand mit Einfühlvermögen.

Manfred ist so ein Mensch. Er zählt zu meinen besten Freunden. Wenn ich zu Manfred komme, bin ich mir absolut sicher, dass er mir zuhören wird. In solchen Momenten ist er ganz Ohr für meine Freuden und Leiden, die ich ihm erzähle. Er zeigt echtes Interesse und er nimmt mich ernst. Das kann ich spüren. Vor allem aber: das ihm Anvertraute bleibt auch bei ihm. Er wird nichts leichtsinnig weitererzählen. Das schafft Vertrauen. Das stärkt unsere Freundschaft. Das tut einfach gut. Ganz sicher: Solche Menschen mit einem „hörenden Herz“ braucht die Welt. – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 10.06.2017 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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