Morgenandacht, 09.06.2017

von Pater Norbert Cuypers SVD aus Berlin

Zwei Wölfe in mir

Autor:
Einmal am Tag, da nehme ich mir Zeit, die Nachrichten des Tages zu hören, zu lesen oder auch im Fernsehen anzuschauen. Als aufgeklärter Bürger will ich ja schließlich gut informiert sein, wissen, was in der Welt so los ist. Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Völkern hier, drohende Hungersnot dort, zunehmender Rechtspopulismus im eigenen Land. Solche deprimierenden Nachrichten sind leider oft genug an der Tagesordnung. Sie lassen mich nicht selten traurig zurück. Viel Gutes ist ja nicht dabei.

Warum eigentlich nicht? Gibt es denn wirklich nichts Schönes, über das man berichten kann? An manchen Tagen jedenfalls kann es auch einmal passieren, dass ich aufgrund all der Schreckensnachrichten tatsächlich zumindest für einen Moment den Glauben an das Gute im Menschen verliere. Dann fühle ich mich als ein hilfloses Rädchen im Getriebe der Geschichte. Diese Stimmung – und das ist vielleicht das Tragischste daran – bekommen dann meine Mitmenschen manchmal zu spüren. Auf einmal sehe ich auch in ihnen nur das Negative und reagiere übertrieben kritisch. Die Geschichte eines alten Indianerhäuptlings hat mich in diesem Zusammenhang nachdenklich gemacht:

Sprecherin:
„Ein alter und weiser Indianerhäuptling sitzt eines Abends am Lagerfeuer im Tipi mit einem seiner Enkelsöhne beisammen und erzählt ihm über seine Erfahrungen im Leben: ‚Im Leben eines jeden Menschen gibt es zwei innere Wölfe, die ständig miteinander ringen und kämpfen. Der eine Wolf ist böse. Er arbeitet mit Trennung, Angst, Schuld, Verleugnung, Unterdrückung, Zwietracht, Eifersucht, Neid, Gier, Habsucht, Überheblichkeit, Feindschaft und Hass. Der andere Wolf ist gut. Er nutzt Verbindung, Vertrauen, Offenheit, Liebe, Wohlwollen, Güte, Verständnis, Mitgefühl, Freundschaft, Friede, Rücksicht, Gelassenheit, Wahrhaftigkeit, Hoffnung und Freude.‘ Der Enkel schaut nachdenklich in die züngelnden Flammen des auflodernden Feuers. Nach einer langen Weile fragt er seinen Großvater: „Und welcher der beiden Wölfe wird gewinnen, Großvater?“ Und der alte Häuptling schaut ihn eindrücklich an und entgegnet: „Der wird letztendlich gewinnen, den du am häufigsten fütterst! Darum lebe achtsam und lerne beide Wölfe gut kennen. Und dann wähle jeden Tag von neuem deinen bevorzugten Wolf!““

Autor:
Es gibt nichts außerhalb meines Lebens, was sich nicht auch in mir persönlich abspielt. Zwietracht, Eifersucht und Gier, aber auch Wahrhaftigkeit, Hoffnung und Freude: Das alles steht ja nicht nur zwischen den Völkern und Nationen. Das alles lebt auch in mir. Der eine Wolf in mir fängt Streit mit dem Arbeitskollegen an, weil ich vielleicht unbewusst neidisch bin auf seinen Erfolg. Genauso aber bin ich fähig, meinem Lebenspartner wohlwollend zu verzeihen, wenn er um Entschuldigung bittet. Es ist meine ganz persönliche Entscheidung, was ich heute in mir groß werden lasse, welchen Wolf ich also in mir füttere. Ich kann sehr wohl lernen, achtsam für das Gute zu werden, das in mir lebt und das Positive zu sehen, was um mich herum geschieht, ohne dabei das Negative leugnen zu müssen.

Neulich, zum Beispiel, lernte ich eine Frau kennen, die jährlich nach Südamerika fliegt, um dort für einige Wochen in einem Projekt für Straßenkinder  mitzuhelfen. Das tut sie, obwohl sie daheim einen Sohn mit geistiger Behinderung zu pflegen hat. Ganz zufrieden wirkt sie auf mich. Das ist doch nichts Besonderes, werden Sie mir jetzt sagen. Stimmt ja auch, so etwas ist der Presse tatsächlich keine Zeile wert. Trotzdem ist diese Frau für mich ein Vorbild dafür, wie selbstlos man sich für das Leben anderer einsetzen kann.

Nur für heute werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist und an die Güte zu glauben.“ heißt es im Dekalog der Gelassenheit, einem Text von Papst Johannes dem XXIII. Genau mit diesem Vorsatz möchte ich heute den guten Wolf in mir füttern. – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 09.06.2017 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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