Morgenandacht, 08.06.2017

von Pater Norbert Cuypers SVD aus Berlin

Die Blinden und der Elefant

Autor
„Glauben Sie an Gott?“ fragte mich vor einiger Zeit eine Kellnerin in einem Berliner Gasthaus. Sie musste wohl meinen Flyer über die großen Weltreligionen gesehen haben, den ich von einer Ausstellung zu diesem Thema mitgenommen hatte. Die Frau wirkte sympathisch. Schnell waren wir beide in ein Gespräch verwickelt, das spannender nicht hätte sein können. Sie erzählte mir, dass sie gerade in Religionsgeschichte promoviere. Sie selbst bezeichnete sich allerdings als „religionslos“. Seit ihrer Jugend wolle sie wissen, was das für ein Gott ist, an den Menschen in den unterschiedlichsten Religionen glauben. Ich war verblüfft, als sie mich auf einmal frei heraus fragte: „Und wer ist Gott für Sie?“ Für einen Moment war ich sprachlos. Keine leichte Frage, auch nicht für einen Theologen. Vor allem auch deshalb, weil sie mich überraschte und unvorbereitet in einer Gaststätte gestellt wurde. Später, als ich wieder zu Hause war, fiel mir dazu folgende Geschichte ein: 

Sprecherin
„Ein König ärgerte sich schon lange über seine drei weisen Gelehrten. Sie alle waren blind und stritten ständig darum, wer von ihnen Recht habe. Deshalb wurden sie von ihrem König auf eine Reise geschickt und sollten herausfinden, was ein Elefant ist. So machten sich die Blinden auf die Reise nach Indien. Dort wurden sie von Helfern zu einem Elefanten geführt. Die drei Gelehrten standen um das Tier herum und versuchten, sich durch Ertasten ein Bild von dem Elefanten zu machen. Als sie zurück zu ihrem König kamen, sollten sie ihm nun über den Elefanten berichten. Der erste Weise hatte am Kopf des Tieres gestanden und den Rüssel des Elefanten betastet. Er sprach: „Ein Elefant ist eine besondere Schlangenart.“ Der zweite Gelehrte hatte das Ohr des Elefanten ertastet und sprach: „Nein, ein Elefant ist vielmehr wie ein großer Fächer.“ Der dritte Gelehrte sprach: „Aber nein, ein Elefant ist wie ein dicker Baumstamm.“ Er hatte ein Bein des Elefanten berührt. Nach diesen widersprüchlichen Äußerungen fürchteten die Gelehrten den Zorn des Königs, konnten sie sich doch nicht darauf einigen, was ein Elefant wirklich ist. Jeder beharrte einfach darauf, dass er Recht hatte. Doch der König lächelte weise: ‚Ich danke Euch, denn ich weiß nun, was ein Elefant ist: Ein Elefant ist ein Tier mit einem Rüssel, der sich wie eine lange Schlange anfühlt, mit Ohren, die wie Fächer sind und mit Beinen, die wie starke Baumstämme sind.‘ Die Gelehrten senkten beschämt ihren Kopf, nachdem sie erkannten, dass jeder von ihnen nur einen Teil des Elefanten ertastet hatte und sie sich zu schnell damit zufriedengegeben hatten.“

Autor
Die Bibel berichtet davon, dass Jesus seine Freunde einmal fragte, für wen die Leute ihn hielten. Die Antworten konnten unterschiedlicher nicht sein: für die einen sei er Johannes der Täufer, für andere  Elija oder Jeremia. Auch heute wären die Antworten wohl bunt gemischt: Jesus ist Freund, Bruder und guter Hirt. Er ist der Herr, Meister und natürlich der Sohn Gottes. All das könnten routinierte Kirchgänger sofort aufzählen. Wer aber hat Recht? Sowohl die Episode aus dem Evangelium, als auch die Geschichte der drei Blinden macht mir eines sehr deutlich: Auf die Frage, wer Gott für mich ist, kann es keine einfachen Antworten geben. Zumindest will ich es mir damit nicht zu einfach machen. Wie in jeder Freundschaft ist es auch in der Beziehung zu Gott wichtig, immer wieder die Frage zu stellen: Wer bist du für mich?

Im zwischenmenschlichen Miteinander kann es zu einer echten Krise kommen, wenn man meint, den anderen ganz genau zu kennen. Zum Beispiel in einer langjährigen Ehe. Warum sollte das in meiner Beziehung zu Gott anders sein? Auch als glaubender Mensch erfahre ich mich als ein Suchender und Tastender. Und das ist gut so. Für die Begegnung mit der religionslosen Kellnerin in Berlin bin ich jedenfalls sehr dankbar. Unausgesprochen machte sie mir Mut, mich als jemand zu verstehen, der sich immer wieder prüfen will, ob sein Bild von Gott, das er sich gemacht hat, noch stimmig ist. – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 08.06.2017 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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