Morgenandacht, 07.06.2017

von Pater Norbert Cuypers SVD aus Berlin

Der Bau einer Kathedrale

Autor
Jeden Morgen versuche ich, einen Text aus der Bibel zu lesen und mich zu fragen, was er für mein Leben bedeuten kann. Manchmal ist es auch nur ein Satz, so wie dieser beispielsweise: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ (Mt 11,29-30). Was meint Jesus damit, wenn er seinen Freunden sagt, sie sollen sein Joch auf sich nehmen? Was überhaupt ist ein Joch? Und vor allem: was für eine Bedeutung hat dieses biblische Bild für mein Leben heute?

Von meinem Onkel, der sein Leben lang in der Landwirtschaft gearbeitet hat, weiß ich: ein Joch wird der Kuh auf den Nacken gelegt, damit sie das schwere Erdreich auf dem Feld pflügen kann oder den Karren aus dem Dreck zieht. Ein Joch erspart dem Vieh die Arbeit nicht. Aber ohne ein Joch kann es auch nichts vorwärts bringen. Übersetzt in mein persönliches Leben könnte das dann heißen: es ist nicht immer alles leicht in meinem Leben. Auch nicht als Christ in unserer Zeit. Gott wird mir nicht alles an Anstrengung und Herausforderung abnehmen, was mir das Leben zumutet. Er sagt nicht einfach: „Take it easy, Norbert, ich mach das schon für dich!“ Nein, die Dinge bleiben auch für den, der den Glauben wagt, kompliziert. Wo aber, so frage ich mich, steckt dann die gute Nachricht in diesem Wort der Heiligen Schrift? Eine kleine Erzählung hat mir bei der Suche nach einer Antwort geholfen:

Sprecherin
„Beim Bau einer mittelalterlichen Kathedrale beobachtete ein durchreisender Kaufmann drei Steinmetze bei ihrer schweren Arbeit. „Was machst du da?“, fragte er den ersten der Handwerker. „Das siehst du doch, ich schufte mich zu Tode“ antwortete dieser mit einem mürrischen Gesicht. Da fragte der Kaufmann den zweiten: „Und was machst du da?“ „Ich verdiene das Geld für mich und meine Familie“, antwortete der schon etwas freundlicher. Schließlich fragte der Kaufmann den dritten Steinmetz. Der schaute ihn aus einem schweißüberströmten Gesicht, aber mit leuchtenden Augen an und meinte: „Ich? Ich baue eine Kathedrale!““

Autor
Die Last der Arbeit haben alle drei Handwerker zu tragen. Keiner schiebt eine ruhige Kugel, wie man so schön sagt. Aber ihr Blickwinkel auf das, was sie tun, ist jeweils ein anderer. Der eine weiß sich nur gequält von der Arbeit. Der zweite sieht in ihr zumindest einen Nutzen und der Dritte schließlich erkennt einen größeren Sinn in dem, was er tut. Das macht ihn zufrieden. „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Dieser Satz von Friedrich Nietzsche war in gewisser Weise auch das Lebensthema des österreichischen Psychiaters und Begründers der Logotherapie, Viktor Frankl. Für Frankl war klar: Der Mensch ist auf der Suche nach einem Sinn in seinem Leben. Wenn er ihn gefunden hat, kann er äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden leichter überwinden. Jener Bauarbeiter in unserer Geschichte, der seinem Tun einen Sinn geben konnte, war letztlich also trotz harter Arbeit mit sich und der Welt im Reinen.

„Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“ Dieses Wort aus dem Evangelium könnte also dann bedeuten: Es geht in meinem Leben nicht darum, dass ich mich auf die faule Haut lege, mich vor der Arbeit an mir selbst und meinem Leben herumdrücke. Auch als gläubiger Christ bleibt mir das tägliche Ackern auf den Feldern meines Lebens nicht erspart. Auch ich muss manchen Karren aus dem Dreck ziehen. Mich um die Liebe zum Mitmenschen zu bemühen, um Frieden in meiner Partnerschaft oder um Gerechtigkeit für meinen Arbeitskollegen ringen: Das alles kann mühsam sein, anstrengend und manchmal auch lästig. Das Joch der Güte und der Demut, das auch Jesus in seinem Leben getragen hat, kann mir dabei hilfreich sein. Schlussendlich macht es mein eigenes Leben, aber auch das der Mitmenschen um mich herum zufriedener und glücklicher. – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 07.06.2017 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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