Morgenandacht, 06.06.2017

von Pater Norbert Cuypers SVD aus Berlin

Gottes große Hände

Autor
Beten, so habe ich es schon als Kind im Religionsunterricht gelernt, heißt eigentlich nichts anderes als: „mit Gott reden“.  Zu ihm kann ich kommen mit all meinen Freuden und Leiden, mit all meinen Sorgen und Nöten. Gott, so wurde mir versichert, wird all meine Gebete erhören. Also habe ich brav um schönes Wetter beim nächsten Schulausflug gebetet und den Himmel bestürmt für eine gute Note in Mathematik. Das mit dem schönen Wetter beim Schulausflug hatte dann tatsächlich auch funktioniert. Am Ende des Tages konnte ich mit kindlicher Freude Jesus für einen herrlichen Sonnentag danken. Aber die gute Note in Mathe, die blieb leider aus. Dabei hatte ich mich im Gebet ganz auf Gott verlassen. Statt zu lernen, ging ich unbeschwert mit den Freunden spielen. Gott wird schon sorgen, dachte ich. Ich wurde bitter enttäuscht. Die Note war sogar schlechter, als im Jahr zuvor. Habe ich also beim Beten etwas falsch gemacht? War Gott vielleicht sogar böse auf mich? Nein, natürlich nicht. Vielmehr musste ich schmerzhaft erkennen, dass Beten so wohl nicht funktioniert. Gebet ist eben nicht das wundersame Zaubermittel, um all das von Gott zu bekommen, was ich mir von ihm erhoffe. Vielmehr ist wahr: Gott hört zwar jedes Gebet, aber er erfüllt nicht alle unsere Wünsche. Vielleicht auch deshalb, weil er uns besser kennt, als wir uns selbst.

In der Heiligen Schrift können wir an verschiedensten Stellen davon lesen, dass uns Menschen vieles von Gott zusagt wird: dass er uns segnet und uns nahe ist, dass er uns Kraft und Mut gibt, Glauben schenkt, auch wenn es unmöglich scheint und er verspricht eben auch, uns zu erhören, wenn wir uns an ihn wenden. „Bittet Gott, und er wird euch geben. Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet“, heißt es beispielsweise im Lukasevangelium – und weiter: „Denn wer Gott bittet, der bekommt. Wer ihn sucht, der findet ihn. Und wer bei ihm anklopft, dem wird die Tür geöffnet.“ (Lk 11,9-10) Gott in meinem Leben vertrauen und vor allem nicht zu klein von ihm zu denken. Darauf kommt es an. Das macht mir auch die folgende Geschichte deutlich:

Sprecherin
„Irgendwo in einem armen Land saß ein kleiner Junge am Straßenrand und schaute fasziniert auf die gegenüberliegende Seite. Dort verkaufte ein Händler sein Obst, auch wunderschöne, reife Kirschen. Als der Verkäufer nach einer Weile den Buben bemerkte, rief er ihm zu: „Komm, hol dir eine Handvoll Kirschen!“ Die Augen des Buben begannen zu strahlen. Aber er blieb sitzen. Nach einer Weile rief der Händler wieder „Komm, Junge, hol Dir eine Handvoll!“ Doch der Bub blieb immer noch sitzen. Das wiederholte sich einige Male. Plötzlich griff der Händler mit beiden Händen in die Kirschen, überquerte die Straße und legte dem Buben die Portion Kirschen vor die Füße. „Du magst doch Kirschen?“ fragte er ihn. Der Junge nickte. „Aber, warum bist Du nicht gekommen und hast Dir eine Handvoll geholt?“ Da antwortete der Junge: Weil ich weiß, dass Du größere Hände hast als ich!“

Autor
Im Laufe meines Lebens durfte ich genau das erfahren: Gott hat ein größeres Herz und größere Hände als ich. Er ist nicht geizig. Er gibt mir immer mehr, als ich zu hoffen wage. Nicht immer sofort und nicht immer so, wie ich mir das vorstelle. Gott lässt sich durch mein Gebet nicht einfach zum Erfüllungsgehilfen für meine egozentrischen Ansprüche machen. Je besser ich aber Gott in meinem Leben und durch mein Gebet kennengelernt habe, umso leichter konnte ich ihm auch vertrauen. Ja, das glaube ich: wenn unsere Beziehung zu ihm stimmt und  wir in seinem Sinne beten, dann wird er uns auch das geben, was wir wirklich brauchen; was uns fördert und wachsen lässt und wonach wir tiefstes Verlangen haben. Eine gewisse Nachdrücklichkeit im Gebet kann dann sehr wohl Ausdruck dieses Vertrauens in Gott sein, nicht aber ein Zeichen dafür, dass wir Gott vorschreiben, was er in unserem Leben zu tun und zu lassen habe. – Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag.


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Dieser Beitrag wurde am 06.06.2017 gesendet.


Über den Autor P. Norbert Cuypers SVD

orbert Cuypers, 1964 in Köln geboren, ist Mitglied der interkulturell aufgestellten Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare (SVD). Sein Weg führte ihn im Laufe der Jahre unter anderem nach Papua Neuguinea und nach Österreich. Seit 2011 lebt und wirkt er wieder in Deutschland. Das Thema „Spiritualität“ begleitet ihn seit Jahren: sei es als Exerzitienmeister, als Spiritual im Priesterseminar, oder auch als Leiter des deutschsprachigen Noviziats seines Ordens in Berlin. Derzeit lebt er als „Hüter der Stille“ in einer Einsiedelei im Sauerland. Kontakt: cupyi@gmx.de

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