Am Sonntagmorgen, 28.05.2017

von Andrea Fleming aus München

„Drum rede wer sich ewig bindet“ Gelungene Kommunikation in der Partnerschaft

Musik: Sportfreunde Stiller: „Ich wollte Dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist!“

Autorin
Junge Menschen wünschen sich Sicherheit und positive soziale Beziehungen, Freundschaft, Partnerschaft und Familie stehen bei jungen Menschen unter 25 ganz eindeutig und mit Abstand an erster Stelle ihrer Werteskala – das hat die letzte Shell-Jugendstudie von 2015 gezeigt. Gleichzeitig wird in Deutschland inzwischen jede dritte Ehe geschieden, Tendenz steigend.

Als Stefanie und Tilmann Bastin sich entschieden hatten zu heiraten, bekamen sie in der Vorbereitung auf die kirchliche Trauung ein kleines Heft in die Hand mit Angeboten, die die katholische Kirche zur Vorbereitung auf den „Bund fürs Leben“ macht.

Tilmann Bastin
Wir wollten was vor der Hochzeit machen, waren aber so arrogant, dass wir uns sicher waren: Klassische Hochzeitsvorbereitung brauchen wir nicht, weil wie Liturgie funktioniert und was wir uns da versprechen, da sind wir uns ziemlich einig... und haben deshalb was gesucht, wo wir der festen Überzeugung sind, dass das für länger hält.

Autorin
Die beiden entscheiden sich für einen Kommunikationskurs für Paare: EPL – ein partnerschaftliches Lernprogramm – wird Paaren in vielen Diözesen in Form von Wochenendkursen oder Abenden angeboten, um zu lernen, richtig miteinander umzugehen. Die Partner erfahren, auf welche Fehler sie in ihrer Kommunikation besonders achten sollten und wie sie positiv und konstruktiv miteinander reden können.

Dass man für eine gelungene Partnerschaft immer wieder Zeit investieren muss, war den Bastins nichts Neues. Sie haben sich für EPL entschieden, um gleich zu Beginn das Rüstzeug zu bekommen, das ihnen auch in schwierigeren Zeiten helfen kann.

Stefanie Bastin
Wir haben manchmal so dieses Gefühl, wenn man ein Kommunikationstraining mit dem Partner machen, dann würde man das machen müssen, weil irgendwas verkehrt läuft und das ist die ganz falsche Einstellung dazu. Kommunikation ist etwas, das wir jeden Tag machen und das ja unsere Beziehung auch am meisten mit ausmacht: Dass wir vernünftig gut miteinander reden können, im positiven Sinn, bei Herausforderungen, bei Streit auch, das gut klären zu können.

Autorin          
Das EPL-Programm wurde in München entwickelt als Kommunikationstraining für Paare, die seit längstens zwei bis drei Jahre in Beziehung leben. Das Angebot besteht aus sechs mal zwei Stunden in zeitlich unterschiedlicher Gestaltung, meistens konzentriert an einem Wochenende. Mit-Entwickler Dr. Franz Thurmaier beschreibt das Ziel:

Dr. Franz Thurmaier
Wir versuchen den Paaren beizubringen: Wie könnt ihr mit all dem, was euch wichtig ist, miteinander ins Gespräch kommen, und zwar offen und fair, so dass Ihr wirklich alles ansprechen könnt, ohne den anderen dabei zu verletzen, sondern ganz im Gegenteil: dass ihr beide euch näher kommt im Gespräch.

Autorin
Vor dreißig Jahren entwickelten der Psychologe Thurmaier und seine Kollegen Dr. Joachim Engl und Prof. Kurt Halweg im Auftrag des Bayerischen Sozialministeriums, der Erzdiözese München und Freising und der Deutschen Bischofskonferenz dieses Ehevorbereitungskonzept, das seitdem sowohl von Bayerischen Standesämtern als auch quer durch Deutschland von der katholischen Kirche bekannt gemacht wird. Die Kurse werden vor allem von katholischen  Bildungseinrichtungen angeboten und stark bezuschusst. Die Paare selbst zahlen vergleichsweise wenig. Joachim Engl beschreibt den Nutzen der Kurse:

Joachim Engl
Der erste Nutzen im präventiven Bereich für die Paare ist erst mal noch ein intensiveres Kennenlernen.
Der zweite Nutzen ist: die eigenen Beteiligungen an Auseinandersetzungen zu erkennen – die eigenen Fehler, die einem entfleuchen, die erkennt man nicht so rasch, die erkennt man jetzt durchaus rascher und kann sich dann entscheiden: Will ich so weitermachen oder will ich's wieder in gütliche Gleise lenken.
Ein weiterer Nutzen ist auf lange Sicht sicher eine zufriedenere und stabilere Beziehung. 

Autorin
In den Kursen selbst arbeiten die Paare mit unterschiedlichen Methoden: Durch Rollenspiele oder anhand von Videodemonstrationen werden die wichtigsten Kommunikationsregeln erarbeitet. Die üben die Paare dann, eingebettet in unterschiedliche Kontexte, ein. Sie werden dabei jeweils von Trainerinnen und Trainern begleitet, die sich aber nur einschalten, wenn die beiden in der Verwendung der erlernten Gesprächs-Methoden vom Weg abkommen.

Für Tilmann Bastin war das zunächst gewöhnungsbedürftig, vor allem, wenn es um heiklere Themen ging.

Tilmann Bastin
Dass man auch beim Diskutieren über nicht ganz einfache Sachen immer mal einen Zuhörer hat, so dass es dann wieder ging - das hat ein bisschen Überwindung gekostet. Aber die Art der Trainer hat da sehr gut geholfen, weil die nämlich wirklich sehr unaufdringliche Zuhörer waren und nur dann Kommentare gegeben haben, wenn man wirklich methodisch sich aus dem Ruder bewegt hat und ansonsten wirklich nur den Zuhörerpart hatten, und deshalb war's dann wiederum wieder erstaunlich einfach.

Autorin
Die Paare lernen zunächst anhand positiver Themen und entspannter Kontexte, was ein zugewandtes Zuhören bewirken kann. Manchem Teilnehmer fällt es gar nicht so leicht, erst einmal nur zuzuhören, dem anderen nicht sofort ins Wort zu fallen oder nicht gleich zu kommentieren. Doch nicht selten entsteht so ein neuer Raum, sich einander zu öffnen. Die Paare entdecken neue Formen, wie sie Gefühle in Worte fassen können, die sie bisher nicht ausgedrückt haben. Sie üben, wie sie dem anderen auch eigene positive Emotionen beschreiben können. Stefanie Bastin haben diese Kursmodule sehr geholfen und sie möchte sich gerade diesen Aspekt für ihre Partnerschaft bewahren:

Stefanie Bastin
Man verbringt einfach mal Zeit damit, dem anderen zu sagen, wie positiv Dinge sind und was das mit einem macht, dass es einen glücklich macht oder froh, oder was es einem vielleicht auch erleichtert hat in der Kennenlernphase oder im Zusammenziehen oder wie auch immer. Und das ist glaube ich was, was ganz oft zu kurz kommt.

Autorin
Dabei wechseln die Partner zwischen Sprecher- und Zuhörerrolle und lernen spielerisch die jeweiligen Grundregeln. Im zweiten Teil des Trainings geht es dann darum, wie man Unangenehmes anspricht. Wie kann man persönliches Unbehagen so ausdrücken, dass der Partner nicht verletzt reagiert, sondern die Möglichkeit erkennt und nutzt, auch seine eigene Wahrnehmung zur Sprache zu bringen. Der dritte Teil vermittelt dann Strategien, um Konflikte zu lösen. Dabei bleiben die Trainer immer in der Rolle der methodischen Begleiter, die Inhalte bestimmt jedes Paar selbst.

Die letzten Einheiten des EPL-Kurses dienen dann dazu, mit den eingeübten Regeln unterschiedliche Themenbereiche zu bearbeiten, die nach Erfahrung der Trainer viele Paare ansprechen, darunter auch der Umgang mit Zärtlichkeit und Sexualität und die Bedeutung von Religion und Werten.

Auch wenn das Konzept unter anderem im Auftrag der katholischen Kirche entwickelt worden ist, sei es nicht auf Christen beschränkt. In der Tat nähmen auch immer wieder Menschen teil, die keinen Bezug zu Kirche oder Religion hätten, sagt Franz Thurmaier.

Thurmaier
Unser Grundsatz: dass die Partner sich auf Augenhöhe begegnen, dass es gleichberechtigt und fair zugeht und da treffen wir uns durchaus auch mit den Ansprüchen der Kirche. Was bei uns nicht Thema wird, das ist, wie die beiden genau ihre Beziehung zu leben haben. Die Paare können das zum Thema machen, Beispiel sechste Einheit im EPL: Da geht’s tatsächlich um die christliche Art, eine Beziehung zu führen bzw. wenn Paare darunter sind, die mit Religion überhaupt nichts anfangen können, dann ist es bei denen eine Werte-Diskussion.

Autorin
Die Entwickler des Konzepts können sich eine Übertragung in andere Lebens- und Anwendungsbereiche gut vorstellen. Thurmaier sieht viel Potential in der präventiven Arbeit. 

Thurmaier
Das Konzept der gelungenen Kommunikation funktioniert natürlich auch über die Paarbeziehung hinaus: Kommunikation am Arbeitsplatz, Kommunikation in der Schule, so groß sind die Unterschiede nicht. Es gibt einige, aber die lassen sich wunderbar in Programme integrieren. Ein großer Wunsch von uns ist noch, die Schulen besser zu erreichen, denn je früher ich damit beginne, desto besser ist es natürlich für die Leute.

Autorin
Schon jetzt bieten Engl und Thurmaier ihr Konzept in speziell zugeschnittenen Anpassungen für Bundeswehrpaare an, denn da sei der Bedarf besonders groß: Die Scheidungsraten von Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz sind erschreckend hoch. Es gibt EPL-Angebote in Haftanstalten und speziell für Jugendliche, die noch nicht in einer festen Partnerschaft leben. Dafür gehen die Trainer zur Information in Berufsschulen und Universitäten.

Musik: Judith Holofernes: „Du sagst 'Ich fühl mich heute nicht so gut, Ich sag' Mann, reiß dich zusammen. Du sagst, dass dir der Kopf weh tut, ich sag, meiner steht in Flammen, Du sagst, Du bist so müde, ich sag, das ist schlecht, das ist Liebe, das ist Liebe – jetzt erst recht!...“

Autorin
Um speziell das jüngere Publikum besser zu erreichen und Kommunikationsformen mit einzubeziehen, die neben der verbalen Face-to-Face-Kommunikation genutzt werden, entwickeln Engl und Thurmaier mit ihrem Team gerade eine Smartphone-Anwendung, eine Beziehungs-App sozusagen. Die Kommunikationsexperten beschreiten damit im Bereich der Paar-Kommunikation ganz neue Wege, ein solches Angebot scheint es auf dem Markt noch nicht zu geben. Die Arbeit an dem Konzept macht ihnen sichtlich Spaß. Joachim Engl beschreibt die interaktiven Elemente:

Engl
Es wird zum Beispiel eine Nörgel-Tafel geben, wo ich erst mal ungefiltert draufkritzele auf das Display, was mir so missfällt und wo ich dann geleitet werde, das in eine faire Aussage dem Partner weiterzuleiten mit einigen Tipps. Ich werde auch hin und wieder angeleitet, Komplimente zu machen – dazu gibt es einen Komplimente-Generator, der sich zu verschiedenen Zeiten meldet und dann unter Umständen aus verschiedenen Bereichen etwas vorschlägt, was ich dann selbst formulieren muss. 

Autorin
In einen Beziehungskalender können die Partner Meilensteine ihrer Beziehung einpflegen in Form von Fotos, Musik oder kleinen Filmen. Und in Spielen können Punkte gesammelt werden, etwa Blätter für einen Beziehungsbaum, dessen Entwicklung Auskunft gibt über den Beziehungsstatus.

Finanziert wird die Entwicklung vom Bayerischen Sozialministerium und soll nächstes Jahr als kostenloser Download in den App-Stores von Google und Apple zur Verfügung stehen. So könnte ein neues Zielpublikum für das Thema Paarkommunikation sensibilisiert werden. Über die Vernetzung mit einer Webseite dazu erhalten Paare vertiefte Informationen zum Thema Kommunikation, können Fragebögen ausfüllen und kommen mit dem Kursangebot in Kontakt.

Doch auch für Paare, die schon länger in einer festen Beziehung leben oder gar in schweren Krisen stecken, sind inzwischen Angebote entstanden. KEK - Konstruktive Ehe und Kommunikation richtet sich an Paare, die schon viele Jahre zusammen sind und sich über andere Themen auseinandersetzen wollen, als es Paare in den ersten Jahren tun. KOM KOM - Kommunikationskompetenz in der Paarberatung ist dagegen ein Angebot für schwer belastete Paare. Dieser Kurs wird oft im Rahmen einer Eheberatung als Zusatzprogramm angeboten, wenn schwere Krisen eingetreten sind und das Paar an Trennung denkt. Joachim Engl ist stolz auf die guten Ergebnisse, mit denen gerade dieses Programm in Studien abschneidet.

Engl
Bei den belasteten Paaren haben wir die bislang erfolgreichste Studie im Bereich der deutschen Eheberatung vorgelegt. Bei den KOM KOM-Kursen denken zwei Drittel an Trennung, nach drei Jahren haben sich dann tatsächlich auch ein Viertel der Paare getrennt, allerdings sind sie der Meinung, dass sie das wesentlich gütlicher hinbekommen haben als ohne diesen Kurs. Die anderen Dreiviertel, denen geht es hochsignifikant besser: Die haben wieder Tritt gefasst in ihrer Beziehung und frischen Wind bekommen.

Autorin
Trotz aller Zufriedenheit über gute Umfrageergebnisse und durchweg positives Feedback, sind sich die Münchner Eheberater doch der begrenzten Einflussmöglichkeiten bewusst. Mit einer jährlichen Quote von einigen Tausend Paaren, die sie deutschlandweit mit ihren Angeboten erreichen, sei noch viel zu wenig für eine nachhaltige Prophylaxe im Bereich von Ehe und Partnerschaft getan. Die Konzeptentwickler vermissen eine breitere politische Unterstützung. Während für die Förderung von Kindern und Jugendlichen viel getan würde, stünden Ehe und Partnerschaft nicht im Fokus.

Engl
Wir haben da keine Lobby: Die Paarbeziehung selbst ist nicht förderwürdig. Dass die Elternbeziehung ganz entscheidend dafür ist, wie die Beziehung zu den Kindern gelingt und auch die Kindererziehung, das ist noch nicht so richtig durchgedrungen.

Autorin
Stefanie und Tilman Bastin haben die Erfahrung gemacht, wie gut ihnen die zwei Tage Auszeit getan haben, um zu einer tieferen Art der Kommunikation miteinander zu finden. Und sie haben erlebt, dass die beste Werbung immer noch die Mundpropaganda und das persönliche Zeugnis ist.

Stefanie Bastin
Ich würds auf jeden Fall empfehlen. Man braucht keinen konkreten Anlass oder einen konkreten Konflikt in der Beziehung, um so was zu machen. Und das ist auch nicht ein Stempel: ihr könnt es nicht. Sondern es ist eher andersrum: dass einem die Beziehung so wichtig ist, dass man bereit ist, da etwas rein zu investieren.

Tilmann Bastin
Viel davon erzählen! Das hilft noch mehr als viele bunte Flyer. Und dann erfährt man im Arbeitsumfeld auf einmal, dass der ein oder andere da auch schon war. Nicht warten, bis es nötig ist, sondern sich vorher die Zeit nehmen, um prophylaktisch was zu tun, damit man nachher nicht die Konfliktlösungsseminare braucht.

Musik: Sportfreunde Stiller: „Ich wollte Dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist! Und sichergehn, ob du denn dasselbe für mich fühlst?!“

Literaturhinweis
Joachim Engl, Franz Thurmaier (2012)Wie redest du mit mir? Fehler und Möglichkeiten in der Paarkommunikation. Mit Cartoons von Renate Alf; Kreuz Verlag, 2. Auflage 2016, 184 Seiten ISBN: 978-3-451-61120-9

Joachim Engl, Franz Thurmaier (2012) Damit die Liebe bleibt - Richtig kommunizieren in mehrjährigen Partnerschaften. Mit interaktiver DVD. Bern: Hans-Huber-Verlag. 152 S. ISBN: 978-3-456-85087-0


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Dieser Beitrag wurde am 28.05.2017 gesendet.


Über die Autorin Andrea Fleming

Andrea Fleming hat in Düsseldorf Ihren Diplomabschluss in Italienisch, Englisch und Deutsch als Literaturübersetzerin gemacht und arbeitet seit 2003 als freie Journalistin. Sie ist freie Mitarbeiterin im Bayerischen Rundfunk, ist für Firmen und Non-Profit-Organisationen in der PR-Arbeit tätig und schreibt für diverse Zeitschriften und Online-Portale. Außerdem arbeitet sie als deutsche Pressereferentin der Fokolar-Bewegung. Kontakt: a.fleming@gmx.de

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