Wort zum Tage, 20.12.2014

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Größe des Menschen

In diesen Tagen packe ich meine Weihnachtsikone wieder aus und gestalte damit meine Andachtsecke. Diese Ikone ist sozusagen meine „Weihnachtskrippe“: mit den Hirten, den Engeln, den Weisen aus dem Morgenland, Ochs und Esel und natürlich mit Maria, Josef und dem Kind. Anfangs habe ich mich über die Größe der Figuren gewundert: ein winzig kleines Jesuskind, das gerade so in einen kleinen Steintrog passt, und eine vergleichsweise riesige Mutter Maria. Seltsam, dachte ich zunächst: Wer ist denn hier eigentlich wichtig?

Ein Freund von mir, der sich mit Ikonen auskennt, hat mir den Sinn erklärt: Maria ist in der Ostkirche ein Bild für jeden Menschen. Und der Größenunterschied sagt: An Weihnachten hat sich Gott ganz klein gemacht, damit wir Menschen groß werden. Gott ist sich nicht zu schade, unsere ärmlichen Verhältnisse anzunehmen. Und umgekehrt hat auch der ärmste und geringste Mensch eine unbeschreibliche Größe und Würde vor Gott.

Von der menschlichen Würde redet es sich leicht an guten Tagen. Aber was ist, wenn man in den Abgründen menschlicher Tragik jene Würde kaum noch wiedererkennen kann? Der Wiener Arzt und Psychotherapeut Viktor E. Frankl (1905-1997) schreibt in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ über seine Erfahrungen im Konzentrationslager. Seine Beobachtung ist, dass Menschen unter widrigsten Bedingungen dennoch in der Lage sind, sich ihrer Würde entsprechend zu verhalten. Ein für mich tief bewegender Satz aus diesem Buch lautet: Der Mensch „ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat; aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist aufrecht und ein Gebet auf den Lippen." (1) So sehr Menschen gepeinigt werden: Sie behalten innerlich ihre Würde. Das gilt für mich in Situationen schweren Leides. Das gilt für Menschen, die von Krankheit gezeichnet sind und dem Ende ihres Lebens entgegensehen. Sterbende legen oft eine Größe an den Tag, mit der sie ihre letzten Dinge regeln, Unrecht noch verzeihen oder andere um Verzeihung bitten können. Das gilt nicht zuletzt für Menschen, die an anderen schuldig geworden sind. Jesus war in der Lage, eine Tat schlecht zu heißen, ohne den Menschen selbst zu verurteilen.

Nun lese ich aus meiner Weihnachtsikone: Ich kann gar nicht groß genug vom Menschen denken – entgegen aller Unterschiede, die Menschen voneinander trennen. Weihnachten ist ein Fest von uns Menschen, ein Fest der Menschenwürde. Friede auf Erden den Menschen, an denen Gott Gefallen gefunden hat!

(1) V.E. Frankl, ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, dtv München 2000, 20. Auflage, S. 139.


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Dieser Beitrag wurde am 20.12.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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