Wort zum Tage, 19.12.2014

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Gut auf die innere Stimme hören

Ein Hochseilartist hält die Welt für einige Minuten in Atem. Der 35-jährige Nik Wallenda beeindruckt am 2. November dieses Jahres ungezählte Zuschauer mit einem Drahtseilakt. In 200 Metern Höhe legt er zwischen zwei Wolkenkratzern in Marina City in Chicago eine Strecke von 138 Metern zurück und überwindet dabei eine Steigung von 25 Höhenmetern. Glücklich angekommen führt er wenige Minuten später die zweite Etappe durch. Knapp 30 Meter überquert er den Abgrund zur Spitze des Marina Towers East auf dem Seil mit verbundenen Augen. Das ist besonders spektakulär, weil Hochseilartisten normalerweise das Ende des Seils anvisieren, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Der Artist verlässt sich auf die Stimme seines Vaters, der per Megafon vor den Seilbefestigungen warnt. Außerdem gibt ein lauter Piepton am Ziel akustische Hilfe.

Im Anschluss an den geglückten Rekord sagt Nik Wallenda: „Das wichtigste ist, ruhig zu bleiben und sich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren. Es ist keine Zeit, dass dich Angst beschleicht. Ich wusste, ich musste gut trainiert sein und vorbereitet."

Man mag nun verschiedener Meinung sein, wie sinnvoll es ist, das Schicksal so herauszufordern. Ich bin beim Lesen dieser Nachricht jedoch am Wie dieses Drahtseilaktes hängen geblieben: Mit verbundenen Augen hat sich Nik auf die Stimme seines Vaters verlassen. Und auf eine innere Stimme: „Bleib ruhig und konzentriere dich auf den nächsten Schritt!“

Manches Mal erlebe ich mein Leben auch als eine Art Drahtseilakt. Mein Leben ist eingespannt wie das Drahtseil zwischen zwei Wolkenkratzern: zwischen Interessen, die an mir zerren, zwischen unterschiedlichen Werten, die zu verwirklichen es sich lohnen würde, manchmal auch zwischen zwei Übeln, von denen eines so schlecht zu wählen scheint wie das andere: ein Dilemma. Manchmal sehe ich beim besten Willen kein Ziel, und auch der Weg kommt mir ziemlich wackelig vor. Zu weit nach links ist ebenso schlecht wie zu weit nach rechts. Weitergehen scheint unmöglich, aber auch Stehenbleiben ist keine Lösung.

Nik Wallenda vertraut auf die Stimme seines Vaters und auf eine innere Stimme, die zu Ruhe und Konzentration anregt. Mich erinnert das an das Wort Jesu im Johannesevangelium: „Meine Schafe hören auf meine Stimme. Ich kenne sie und sie folgen mir.“ (Joh 10,27) Gut hinhören, welche der vielen Stimmen die vertrauteste ist: Es muss nicht die bequemste sein, manchmal fordert sie mich ganz schön heraus. Aber es ist eine Stimme, die es mir gut meint, die mein Bestes will.


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Dieser Beitrag wurde am 19.12.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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