Morgenandacht, 11.05.2017

von Generalvikar Norbert Köster aus Münster

Warum Buße?

Der Wallfahrtsort Fatima in Portugal steht am kommenden Samstag im Mittelpunkt großer Feierlichkeiten. Vor 100 Jahren, am 13. Mai 1917, erschien hier Maria zum ersten Mal. Es folgten bis zum 13. Oktober 1917 sechs weitere Erscheinungen. Zunächst waren es nur drei Hirtenkinder, zuletzt war es eine große Menschenmenge, die das Geschehen verfolgte.

In den etwa zehnminütigen Erscheinungen mittags um 12.00 Uhr kam es jeweils zu einem Gespräch zwischen Maria und den Hirtenkindern. In diesem Gespräch forderte Maria alle Gläubigen auch zu Buße und Sühne auf.

Es ist vielleicht der schwierigste Aspekt der Erscheinungen von Fatima, dass hier der christliche Glaube stark von Buße und Sühne geprägt ist. Bis heute stehen diese Gedanken im Mittelpunkt der verschiedenen Bewegungen und Initiativen, die sich auf die Ereignisse in Fatima hin bildeten.

Buße und Sühne sind ein undankbares Thema für eine Morgenandacht, die Ihnen zu einem positiven Einstieg in den Tag verhelfen soll. Ich will es aber doch einmal wagen.

Im Alltag gibt es immer wieder Situationen, in denen ein anderer an mir schuldig wird. Was muss der andere dann für mich tun, damit die Sache wieder in Ordnung ist? Wir sprechen in diesem Zusammenhang nicht von Buße und Sühne, sondern von Wiedergutmachung. Letztlich meint es aber das Gleiche. Der andere soll seine Tat wieder gut machen. Aber wie kann das aussehen? Das ist manchmal gar nicht so einfach, nicht für mich und auch nicht für den Täter.

Manchmal gibt es ein inneres Zögern, sich mit einer Wiedergutmachung des anderen zufrieden zu geben. Es nagt in mir der Zweifel, ob ich am Ende dabei schlecht wegkomme und vielleicht sogar der Dumme bin, wenn ich mich auf eine Wiedergutmachung einlasse.

Ja, will ich überhaupt, dass der andere die Sache wieder gut macht? Ist es nicht manchmal auch ganz nützlich, das Opfer zu bleiben und den anderen in der Schuld mir gegenüber zu halten?

Wiedergutmachung ist aber auch von der Seite des Täters her schwierig. Wenn ich selbst schuldig geworden bin, kann schnell der Gedanke aufkommen, dass die Schuld doch nun wirklich nicht groß war und der andere sich anstellt. Ja, die Forderung der Wiedergutmachung kann innerlich dazu führen, dass wir den Spieß umdrehen und den anderen zum eigentlich Schuldigen erklären und damit aus der Sache raus sind. Eine nicht aufgearbeitete Schuld führt in Beziehungen zu einer erheblichen Störung.

Wenn in den Erscheinungen von Fatima von solcher Wiedergutmachung die Rede ist, dann geht es darum, die Störungen in unseren Beziehungen aufzuarbeiten, auch in der Beziehung zu Gott. Wichtig ist: Diese Störungen gehen nicht von Gott aus. Er ist es kein strenger Gott, der von mir Wiedergutmachung verlangt. Er liebt mich über alles. Die Störungen gehen von mir aus, wenn ich mir in der Tiefe meines Herzens bewusst bin, dass ich eigentlich etwas wieder gut machen müsste. Für mich selbst ist es dann wichtig, mich zu ihm aufzumachen und darum zu bitten, dass alles wieder gut ist. Das ist Wiedergutmachung bei Gott.

Vielleicht kennen Sie die schöne Geschichte vom weißen Band im Apfelbaum: Ein Strafgefangener bittet vor seiner Entlassung seine Familie, in einen Apfelbaum an der Bahnstrecke ein weißes Band zu hängen, wenn sie ihn wieder zuhause haben wollen. Als er dann aus dem Zugfenster blickt, hängt der ganze Baum voll weißer Bänder.

Die Botschaften von Fatima erinnern mich daran, dass das Wiedergutmachen ein wichtiges Thema im Leben ist. Manchmal bin ich es, der Wiedergutmachung verweigert, manchmal drücke ich mich um eine Wiedergutmachung herum. Gott sehnt sich danach, dass alles wieder gut ist. Er hängt mir täglich viele weiße Bänder auf. Auch heute darf ich mich zu ihm aufmachen. Er will mir helfen, dass auch in meinen Beziehungen alles wieder gut wird.


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Dieser Beitrag wurde am 11.05.2017 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Dr. Norbert Köster

Dr. Nobert Köster wurde 1967 in Ibbenbüren geboren. Nach dem Studium in Münster und Jerusalem erhielt er 1993 die Priesterweihe in Münster. Nach Tätigkeit in der Pfarrseelsorge hat er im Fach Kirchengeschichte promoviert und habilitiert und war an der Kath. Theologischen Fakultät der Universität Münster tätig. Zudem arbeitete er in der Jugend- und Studentenseelsorge. Von 2016 bis 2018 war er Generalvikar des Bistums Münster. Kontakt
koester-n@bistum-muenster.de

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