Morgenandacht, 29.04.2017

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Die Sehnsucht nach Gott wachhalten

„Wir sind als ein Hunger erschaffen, als ein Durst sind wir gemacht.“

So beginnt ein Gebet des Theologen und Lyrikers Gottfried Bachl. Wir haben nicht nur Hunger und Durst, den man für einige Zeit stillen kann. Wir sind Hunger und Durst, das heißt: wir sind unersättlich. Der Mensch will immer noch mehr – höher, weiter, schneller.

Dieses Streben wird manchmal negativ bewertet. So in dem Sprichwort: Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still. Er ist gleichsam ein Nimmersatt. Nie zufrieden, höchstens für einen Augenblick. Dann erwacht wieder der Wunsch nach Neuem.

Wäre es aber nicht so, dann gäbe es auch keine Entwicklung. Die Forschung lebt von dem Drang, Neues zu entdecken, tiefer einzudringen in die Geheimnisse des Lebens. Die Technik lebt von dem Wunsch, sich das Leben zu erleichtern. Neue technische Geräte können mehr, arbeiten schneller und sind, was heute auch wichtig ist, energiesparender. Wir haben immer wieder neue Wünsche. Ist der eine erfüllt, dann tauchen neue auf. Wie der Horizont sich immer weiter verschiebt, wenn ich auf ihn zugehe, so erwachen immer neue Wünsche, wenn einer erfüllt ist. Jemand sagte einmal: Der Kranke hat nur einen Wunsch. Der Gesunde hat viele Wünsche.

Es ist gut so, dass der Mensch so viele Wünsche hat und auch die Kräfte einsetzt, um sie zu erfüllen. Darin liegen Entwicklung und Fortschritt.

Ich sehe darin aber noch mehr. Ich sehe darin auch ein Zeichen. Wenn nichts den Menschen auf Dauer ganz glücklich machen kann, dann ist er offensichtlich noch für etwas Größeres geschaffen. Sonst wäre er eine Fehlkonstruktion. Er würde auf etwas aus sein, das er nie erreicht, was sich ihm immer wieder entzieht. Das große Glück wäre dann eine Illusion.

Ich sehe in dieser unbändigen Sehnsucht einen Hinweis auf Gott. Weil der Mensch von ihm herkommt, deshalb hat er Hunger und Durst nach mehr. Weil er auf ihn zugeht, deshalb geht seine Sehnsucht nicht ins Leere. Alles Schöne, was uns lockt, uns aber nicht endgültig zufrieden stellen kann, ist wirklich ein Versprechen, und zwar kein leeres, sondern eine Verheißung, die erfüllt wird.

Die Bibel spricht an vielen Stellen von der Sehnsucht nach Gott, z.B.in Psalm 63, da heißt es:
“Gott, Du mein Gott, dich suche ich. Meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
Denn deine Huld ist besser als das Leben; darum preisen dich meine Lippen. Ich will dich rühmen mein Leben lang, in deinem Namen die Hände erheben. Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele, mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen.
Ich denke an dich auf nächtlichem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache. Ja, du wurdest meine Hilfe; jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel. Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest.“
(Psalm 63)

Der Psalm ist eine Einladung, die Sehnsucht nach Gott wach zu halten. Den Wunsch wach zu halten, Gott tiefer kennen zu lernen. Dieser Wunsch wird manchmal verdächtigt als Flucht aus der Welt, als Rückzug in eine Illusion. Für mich liegt darin eine große innere Befreiung. Ich kann mich an schönen Erlebnissen freuen. Ich kann sie genießen. Aber ich muss mich nicht daran klammern. Ich kann akzeptieren, dass sie vergänglich sind. Ich brauche die Menschen, die mich glücklich machen, nicht zu überfordern. Ich muss von ihnen nicht erwarten, dass sie mich ganz glücklich machen. Alles Schöne ist ein Versprechen. Ein Hinweis auf den, von dem es kommt. Er ist das Ziel, auf das hin ich geschaffen bin.

Der Glaube an Gott führt nicht weg von der Wirklichkeit des Lebens. Es führt tiefer hinein. Auf dem Grund alles Geschaffenen findet der Mensch den, der ihn erschaffen hat.

Ich wünsche mir oft, dass die Sehnsucht, Gott kennen zu lernen, noch größer wird. Ich hoffe, dass sie mich am Ende meines Lebens neugierig macht auf das, was danach kommt. Besser: neugierig macht auf den, auf den Hunger und Durst hinweisen.


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Dieser Beitrag wurde am 29.04.2017 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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