Morgenandacht, 28.04.2017

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Worte, die gut tun

Wenn ich Radio höre, bekomme ich manchmal Ohrwürmer. Melodien also, die ins Ohr und in den Kopf, besser noch ins Herz gehen. Lieblingsmelodien, die mich begleiten und ungewollt immer wieder auftauchen.

Aber auch Worte und Sätze können hängen bleiben. Manche von ihnen gehen einem nicht aus dem Kopf. Worte, die gut tun: ein Lob, ein Wort der Anerkennung, ein Kompliment. Aber auch verletzende Worte: eine Beleidigung, eine harte Kritik, eine verächtliche Bemerkung.

Worte teilen etwas mit. Sie erschließen die Wirklichkeit. Aber sie schaffen auch Wirklichkeit. Sie können verbinden und trennen. Sie können Gemeinschaft stiften und: Gemeinschaft zerstören.

Die Sprache ist manchmal eine Quelle von Missverständnissen. Saint-Exupéry beschreibt dies in seinem Märchen für Erwachsene „Der kleine Prinz“ - und zwar in der Begegnung mit dem Fuchs:

„‘Bitte … zähme mich!‘, sagte der Fuchs… ‚Was muss ich da tun?‘, sagte der kleine Prinz. ‚Du musst sehr geduldig sein‘, antwortete der Fuchs. ‚Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können …“

Die Sprache ist manchmal eine Quelle von Missverständnissen. Deshalb ist es in schwierigen Gesprächen gut, sich vor der Antwort, die man gibt, noch einmal zu vergewissern, dass man den anderen auch richtig verstanden hat. In einem Streitgespräch ist die Gefahr besonders groß, dass man nicht genau zuhört. Manchmal lässt man den anderen gar nicht ausreden. Ein Reizwort löst schon Widerspruch aus. Man fällt dem anderen ins Wort und hört nicht mehr zu. Dann gibt eins das andere. Frühere Aussagen werden aufgewärmt, und nachher ist die Kluft größer als vorher. Richtig zuhören ist eine Kunst, die man lernen kann und lernen muss.

Aber die Sprache ist vor allem auch ein wunderbares Mittel der Kommunikation.

Papst Franziskus nennt in einer Predigt (13.10.2013) drei Worte, die Gemeinschaft stiften: Zunächst das Wort: Bitte. Nicht einfach fordern oder bedrängen, sondern bitten. Das heißt, dem anderen das Gute zutrauen und hoffen, dass er meine Bitte ernst nimmt und sie nach Möglichkeit auch erfüllt. Die Bitte appelliert an die Freiheit und das gute Herz des anderen.

Das zweite Wort heißt: Danke. Das bedeutet, das nicht einfach als selbstverständlich anzunehmen, was der andere mir Gutes tut nach dem Motto: Nicht kritisieren ist schon genug gelobt. Es ist wichtig, den Dank immer wieder auch einmal auszusprechen. Wer sich selber über ein Wort des Dankes freut, sollte damit nicht sparsam anderen gegenüber umgehen.

Das dritte Wort ist: Entschuldigung. Das geht manchen Menschen leider nur schwer über die Lippen. Sie meinen, dass sie nichts falsch machen oder auch nichts falsch machen dürfen. Sie gestehen sich selbst keine Fehler zu. Deshalb verteidigen sie sich, auch dann, wenn sie im Unrecht sind. Statt zu sagen: Entschuldigung. Das war falsch von mir. Oder: Das habe ich nicht so gemeint, versuchen sie, sich immer zu rechtfertigen. Es fällt niemandem ein Stein aus der Krone, wenn er sich entschuldigt. Wir alle machen Fehler und verletzen andere. Aber wir können uns entschuldigen und die Entschuldigung des anderen annehmen.

Ich kenne die Meinung vieler, dass eine Entschuldigung ja eigentlich unnötig ist. Weil es die doch eigentlich nur braucht, wenn es einen Grund dafür gibt. Das ist aber wohl ein Wunschdenken. Denn wie schnell sind wir mit dem falschen oder bösen Wort und ehe wir uns versehen, haben wie es ausgesprochen. Da ist es doch gut, dass wir wenigstens „tut mir leid“ sagen können.

Bitte, Danke, Entschuldigung. Drei Worte, die nicht wie Sand, sondern wie Öl im Getriebe des Zusammenlebens wirken.

Es sind auch drei Worte, die ich Gott gegenüber immer wieder sage. Und ich vertraue darauf, dass er mich hört.


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Dieser Beitrag wurde am 28.04.2017 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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