Morgenandacht, 27.04.2017

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Worte, die man sich von anderen sagen lassen muss

„Mama, weine nicht. Es hätte noch schlimmer kommen können.“ Das sagt eine junge Frau, die aufgrund einer Hirnblutung spastisch gelähmt ist. Sie trägt ihr Schicksal bewundernswert. „Mama, du musst auf die schauen, denen es noch schlechter geht.“ Die Mutter erzählt mir das mit Bewunderung für ihre Tochter. Ja, mit Stolz. Sie staunt selbst, dass ihr Kind so mutig seinen Weg geht. Aber ihr ist anzumerken, dass sie selbst leidet und die Frage nach dem Warum sie immer wieder bedrängt.

„Du musst auf die schauen, denen es noch schlechter geht.“ Wenn man das Menschen sagt, die ein sehr schweres Leid zu tragen haben, dann reagieren sie wahrscheinlich verärgert oder wütend. Und das zu Recht. „Du weißt gar nicht, was das bedeutet. Du hast leicht reden. Wenn du in meiner Haut stecktest, dann würdest du anders reden.“ Manchmal schweigen sie vielleicht auch. Enttäuscht von dieser besserwisserischen Aussage.

Ich habe diese Erfahrung auch in Gesprächsrunden mit Trauernden gemacht. Manche haben sich dagegen gewehrt, dass ihre Trauer mit der anderer verglichen wird. Ein wichtiger Satz lautete: Jeder hat ein Recht auf seine eigene Trauer. Die Trauer jedes einzelnen darf nicht mit dem Hinweis auf andere relativiert werden, die es vielleicht noch schwerer getroffen hat. Andererseits sagte einmal eine ältere Teilnehmerin, die um den verstorbenen Mann trauerte: „Wir waren über 40 Jahre verheiratet und hatten eine gute Zeit miteinander. Die Trennung tut schon sehr weh. Aber wenn ich höre, wie es die jungen Mütter getroffen hat, die um ein Kind trauern, dann bin ich mit meinem Los noch zufrieden.“

Es gibt Sätze, die kann man sich nur selber sagen. Einem anderen steht das nicht zu. Auch wenn sie noch so richtig sind.

Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen. Das musst du dir von anderen sagen lassen.“ Ich höre da eine ganz andere Sicht heraus und frage: Was sind das für Worte, die ich mir nur von einem anderen sagen lassen kann? Die nur dann eine positive Wirkung haben, wenn sie ein anderer sagt? Beim Nachdenken darüber fiel mir ein elementar wichtiges Wort ein, nämlich: Ich habe dich wirklich gern.

Wenn ich mir selber auf die Schultern klopfe, weil ich in meinen Augen ein toller Typ bin, dann kann das mein Selbstbewusstsein vielleicht stärken. Aber dass ich liebenswert bin, erfahre ich dadurch, dass mich jemand wirklich gern hat. Und mir das auch sagt. Sonst kann ich mir nicht sicher sein, ob ich mir das vielleicht nur einbilde.

Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen. Du musst es dir sagen lassen – und es glauben.

Glücklich das Kind, das bereits am Anfang seines Lebens erfährt: Ich bin erwünscht und willkommen und nicht nur geduldet. Ich falle den Eltern nie zur Last. Auch wenn ich ihnen manchmal Sorgen mache.

Glücklich die Menschen, die Pflege brauchen und dabei erfahren, dass sie nicht zur Last fallen, auch wenn sie auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Glücklich der Mensch, der jemandem begegnet, der ihm sagt: Du bist für mich so einzigartig liebenswert, dass ich dir die Treue für mein ganzes Leben verspreche. Eine größere Anerkennung gibt es nicht.

Vielleicht könnten Sie heute einmal jemanden spüren lassen, wie sehr Sie sich freuen, ihm zu begegnen. Es ist gut, das immer wieder einmal einem Menschen zu zeigen.

Gott sagt zu jedem Menschen, zu Ihnen und zu mir: Ich freue mich, dass es dich gibt. Du bist einmalig liebenswert. Ist das ein Wunschtraum? Hätte ich es nur gern, dass sich Gott über mich freut? Nein. Es ist die Aussage des Propheten Jesaja im Auftrag Gottes (Jes 62,4.5): „Der Herr hat an dir seine Freude … Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich.“ Und Jesus sagt: „Gott freut sich über jeden Menschen, der zu ihm zurückkehrt. Er wartet auf ihn und geht ihm entgegen. (vgl. Lk 15,7 und 15,20)

Auch wenn nicht alles, was wir tun, gut ist und wir - menschlich gesprochen -, Gott enttäuschen: Seine Zusage: Ich freue mich, dass es dich gibt, bleibt.

Mit dieser Botschaft kann ich positiv auf den neuen Tag schauen.


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Dieser Beitrag wurde am 27.04.2017 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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