Morgenandacht, 26.04.2017

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Gute Ideen sind wie Samenkörner

„Eine Wandbatik, ein Kleid, zwei lebende Hühner und ein Kilo Süßkartoffeln halte ich in den Händen nach meinem Besuch in einer der ärmsten Gegenden der Welt.“ So schreibt Hildegard Willer für die Kirchliche Nachrichtenagentur über den afrikanischen Staat Burkina Faso und fährt fort: „Ich verstehe, dass Armut etwas ganz anderes bedeutet als uns die Ökonomen weis machen wollten. Wirklich arm bist du erst, wenn du nichts mehr geben kannst oder willst. Arm bist du, wenn du das gibst, was du sowieso übrig hast. Und wirklich arm dran bist du, wenn niemand da ist, der das annimmt und wertschätzt, was du zu geben hast. Burkina Faso mag ein armes Land sein. Aber es ist ein Land voller reicher Menschen.“

Burkina Faso ist tatsächlich eines der ärmsten Länder der Welt. Es leben dort 19 Mio. Menschen. Die Hälfte der Bevölkerung muss am Tag mit rund 1,70 Euro auskommen. Burkina Faso heißt übrigens übersetzt „Land der aufrechten Menschen“.

Und dieses Burkina Faso ist in diesem Jahr das Land, auf das die Fastenaktion der Katholischen Kirche aufmerksam gemacht hat. Das Leitwort der Fastenaktion lautete: „Die Welt ist voller guter Ideen. Lass sie wachsen.“ Dieses Wort passt aber auch ebenso in die österliche Zeit. Von zwei Ideen, die in Burkina Faso mit Hilfe von MISEREOR wachsen konnten, möchte ich hier berichten. Eine Frau namens Salamata Ouedraogo schreibt: „Für mich und für viele Frauen in Burkina Faso ist die Haltung von Hühnern und Perlhühnern eine wichtige Einnahmequelle im Alltag. Leider waren die Hühner in den letzten Jahren oft krank und starben. In einem Workshop … hatte ich die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen zu forschen und wirkungsvolle Mittel gegen die Parasiten und Krankheiten zu finden. Wir konnten unser Wissen, unsere Erfahrungen und Ideen einbringen und gemeinsam ausprobieren, wie wir die Krankheiten am besten bekämpfen. Die von uns entwickelten Medikamente wurden von der staatlichen Agrarforschungs-anstalt getestet und für gut befunden. Wie gut sie wirken, sehe ich an meinen 30 Hühnern. Früher überlebten manchmal nur drei – nun haben fast alle eine Chance. Heute bin ich Präsidentin der Forschungsgruppe ‚Wend Manegda‘, das heißt übersetzt: ‚Gott schützt uns‘.“

Und Issa Kinde, ein Viehhalter, schreibt: „Rinder sind in Burkina Faso ein Zeichen von Wohlstand, sie sind unser Sparbuch und unsere Sicherheit. Wenn jemand aus der Familie krank ist, verkaufen wir ein Rind, um die Arztrechnung und die Medikamente bezahlen zu können. Leider sind immer wieder Rinder von der Pockenseuche befallen. Die Tiere magern ab, die Krankheit ist ansteckend und tödlich. … Wir haben in unserer Forschungsgruppe … nach einer Lösung für die Pockenseuche gesucht und dazu vier Jahre lang in systematischen Versuchsreihen herausgefunden, welche beiden Pflanzen hilfreich sind zur Bekämpfung der Pocken. Der Aufwand hat sich gelohnt: Die behandelten Rinder erkrankten nicht mehr. Die Idee, mit traditionellen Möglichkeiten und Heilmitteln zu arbeiten, hat sich bewährt.“ (Die Welt ist voller guter Ideen. Lass sie wachsen. Liturgische Bausteine, Seite 31 und 32)

Diese guten Ideen konnten wachsen und Frucht bringen, weil sich Menschen vor Ort engagieren und weil sie von außen Unterstützung erfahren. Zunächst wirken sie im Kleinen. Aber: Sie breiten sich aus.

Wichtig ist es anzufangen. Denn jede große Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

Jesus vergleicht das Reich Gottes einmal mit einem Senfkorn. Es ist das kleinste von allen Körnern. Aber wenn es in den Boden gesät wird und wachsen kann, dann wird es zu einem großen Baum, sagt er. (vgl. Mt 13,31 ff.) Als zweites Bild wählt er den Sauerteig, der eine große Menge Mehl durchsäuert und zu Brotteig macht. (vgl. Mt 13,33 ff.) Gottes Wirken ist manchmal eher unscheinbar. Aber es wird eine große Wirkung entfalten.

Ich hoffe, Sie haben auch schon erfahren, dass aus einem kleinen Anfang etwas Beachtliches geworden ist. Wenn wir unseren guten Ideen eine Chance geben, wird vielleicht etwas Großes daraus. In jedem Fall ist es einen Versuch wert. Das ist allemal besser, als es nicht zu versuchen.

 „Die Welt ist voller guter Ideen. Lassen wir sie also wachsen.“


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Dieser Beitrag wurde am 26.04.2017 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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