Morgenandacht, 25.04.2017

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Das Da-Sein füreinander ist wichtig

„Glauben Sie wirklich, Ihre Kinder werden immer für Sie da sein?“ Diese Frage, die ich in einer Zeitschrift las, hat mich seltsam berührt.

Natürlich weiß das niemand so ganz genau. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass sich die meisten erwachsenen Kinder um ihre alten Eltern kümmern und für sie sorgen. Und dass sie auch Verantwortung übernehmen, wenn der Vater oder die Mutter ihr Leben nicht mehr selbstständig in die Hand nehmen können. Es gibt natürlich auch andere Erfahrungen. Bei Besuchen in Senioren- oder Pflegeheimen bin ich schon manchmal erschüttert, wenn ich höre, dass die Kinder selten oder gar nicht mehr nach ihren Eltern schauen. „Sie wohnen weit weg“ oder „sie sind beruflich sehr eingespannt“, sagen die Eltern zur Entschuldigung. Aber man spürt, wie weh es ihnen tut.

„Glauben Sie wirklich, Ihre Kinder werden immer für Sie da sein?“ Mit dieser suggestiven Frage wurde unlängst für eine Pflegeversicherung geworben, wie „Christ in der Gegenwart“ in einem Beitrag berichtet.  Was mich dabei stört: Ich hatte den Eindruck, hier wird Misstrauen gesät oder verstärkt, um für die Versicherung zu werben. Natürlich ist es für die vielen verschiedenen Wechselfälle des Lebens gut, dass es Versicherungen gibt. Es ist in Ordnung, dass eine Solidargemeinschaft finanziell mitträgt, wenn jemanden ein schweres Unglück trifft: ein Unfall, eine schwere Krankheit, ein Wohnungsbrand oder anderes.

Aber die Nähe von Verwandten, Freunden und Bekannten ist, neben der finanziellen Absicherung und der professionellen Pflege, ebenso notwendig. Mehr noch: Der Kontakt zu Menschen, die mir nahestehen, ist lebenswichtig.

Sicher, niemand weiß, ob eine solche Nähe in schweren Situationen trägt. Aber man sollte alles tun, damit das Netz zwischenmenschlicher Beziehungen auch dann hält, wenn es belastet wird.

Natürlich: Das äußere Versorgtsein ist wichtig. Aber das ist nicht alles. Die Nähe vertrauter Menschen ist unschätzbar und unersetzlich. Das für einander Da-Sein ist elementar wichtig. Was wäre ein Kind ohne seine unmittelbaren Bezugspersonen, ohne die Eltern, die von Anfang an da sind?

Das füreinander Da-Sein ist gerade in Krisensituationen im Leben von größter Bedeutung. Da ist es gut, wenn man sich auf jene verlassen kann, die einem nahestehen. Und genau das ist auch wichtig für die letzte Wegstrecke des Lebens.

Da-Sein – das ist auch der Name Gottes in der Bibel. Das sagt Gott von sich selbst. „Ich bin der, Ich bin da.“ Der Prophet Mose im Alten Testament, dem sich Gott in einem brennenden Dornbusch offenbarte, hatte ihn nach seinem Namen gefragt. Und die Antwort Gottes: „Ich bin der‚ Ich-bin-da‘“. Und dann weiter: „Sag zu dem Volk Israel: „Der ‚Ich-bin-da‘ hat mich zu Euch gesandt.“ (Ex 3,14)

Auch für Mose wohl eine überraschende Antwort, vielleicht auch für uns heute noch, wenn auch nur auf den ersten Blick. Denn Gott hat es nicht bei einem Wort belassen, sondern, wie das Johannesevangelium sagt: „Das Wort ist Fleisch geworden.“ Die Zusage Gottes: Ich bin der, ich bin da, hat sich in Jesus von Nazareth erfüllt. In seiner Person, in seinem Reden und Handeln bis hinein in sein Sterben ist das Dasein Gottes für jeden Menschen offenbar geworden. Er teilt auch mit uns das Todesschicksal. In der Auferstehung zeigt sich, dass Gottes Da-sein für uns Menschen stärker ist als der Tod und in ein neues Leben ruft.

Sind Sie sicher, dass auch Ihre Kinder immer für Sie da sein werden? Wie gut wäre es, wenn wir darauf vertrauen könnten, dass in sämtlichen Lebensabschnitten Menschen sich um uns kümmern. Gott hat das jedenfalls allen Menschen zugesagt.


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Dieser Beitrag wurde am 25.04.2017 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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