Morgenandacht, 24.04.2017

von Generalvikar Gerhard Stanke aus Fulda

Die Wahrheit ist zumutbar

„Die Wahrheit ist zumutbar“ steht auf der Grabplatte der Dichterin Ingeborg Bachmann in Klagenfurt-Annabichl. Sie sagte ihn in ihrer Dankrede bei der Entgegennahme des Hörspielpreises der Kriegsblinden am 17. März 1959 im Bundeshaus in Bonn. Dieser Satz war ihr offenbar besonders wichtig. Deshalb hat sie ihn auf die Grabplatte schreiben lassen, gleichsam als Vermächtnis.

„Die Wahrheit ist zumutbar.“ Das heißt: Sie ist manchmal auch eine Zumutung. Wer die Wahrheit sagt, mutet einem anderen in manchen Situationen etwas oder sogar viel zu. Sie kann wehtun. Sie kann Enttäuschungen hervorrufen. Sie kann verletzten.

Ich denke an den Arzt, der dem Patienten nach einer Routineuntersuchung sagen muss, dass er einen Tumor entdeckt hat. Noch gravierender ist, wenn der Arzt nach einer Therapie mitteilen muss, dass sie nicht wie erhofft angeschlagen hat, und dass  keine weitere mehr anschlagen wird. Bittere Wahrheiten sind das.

Oder jemand ist in einen Menschen verliebt und hofft auf Gegenliebe. Aber der empfindet nicht so viel Zuneigung wie erwartet. Oder er merkt nach einer Zeit anfänglicher Sympathie, dass er den Erwartungen des anderen auf Dauer nicht entsprechen kann und dass er ihm das dann sagen muss.

Die Wahrheit zu sagen - jedenfalls so, wie man sie erkannt hat - ist nicht einfach. Man möchte manchmal den anderen nicht belasten und ein anderes Mal sich selbst keine Unannehmlichkeiten bereiten oder langen Diskussionen aus dem Weg gehen.

Wir Menschen lieben manchmal die Illusion oder Selbsttäuschung. Damit lässt sich, meinen wir, leichter leben.

Ingeborg Bachmann plädiert dafür, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Sie an uns heranzulassen, auch wenn sie schmerzlich ist.

Niemand besitzt sie einfach so. Jeder kann sich täuschen. Jeder hat eine subjektive Sicht auf sich selbst und auf andere, auf Ereignisse und Situationen. Jeder sieht die Wirklichkeit mit seinen eigenen Augen. Er sieht sie aus dem eigenen Blickwinkel. Diese Sicht hat ihr Recht, ist aber nicht die ganze Wahrheit.

Ich hörte einmal, man solle dem anderen die Wahrheit nicht um die Ohren schlagen wie einen nassen Lappen, sondern sie ihm hinhalten wie einen Mantel, in den er schlüpfen kann. Das ist schön formuliert, aber nicht leicht umzusetzen.

Das Wort Ingeborg Bachmanns erinnert mich an eine Aussage Jesu, die im Johannesevangelium überliefert ist. Jesus sagt: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (vgl. Joh 8,32) Der Kern seiner Botschaft, die er im Auftrag seines Vaters den Menschen zu sagen hatte, lautete: Jeder Mensch ist in den Augen Gottes kostbar. Er muss sich nicht erst die Liebe Gottes verdienen. Er ist von vornherein und unwiderruflich angenommen. Das kann ihn befreien von dem Zwang, durch Leistung erst seine Liebenswürdigkeit nachweisen, oder sich Anerkennung verdienen zu müssen. Die Botschaft Jesu befreit.

Wie die Wahrheit befreit, habe ich vor einiger Zeit in einem Gespräch mit einer schwer kranken Frau erlebt, die wusste, dass ihr Leben bald zu Ende gehen wird. Aber sie wollte oder konnte es ihrem Mann nicht sagen, um ihn nicht zu belasten. Aber der wusste es längst. Er wollte seine Frau jedoch seinerseits schonen und die harte Wahrheit nicht in Worte fassen. Als es dann doch zu einer Aussprache kam, wurde viel geweint. Aber die beiden waren innerlich wie befreit. Jetzt konnten sie offen und ehrlich miteinander umgehen, und manches sagen, was noch zu klären war.

Auch ich bin froh, wenn ich bei Menschen weiß, woran ich bin. Auch wenn es manchmal schmerzlich oder enttäuschend ist, wenn ich es erfahre. Aber das ist mir lieber, als mit einer Illusion oder falschen Hoffnung zu leben. In diesem Zusammenhang fällt mir ein Wort ein, das nicht mehr so geläufig ist, aber dennoch sehr zutreffend. Ich meine die Lauterkeit und denke dabei an Menschen, die offen und ehrlich sind. Es ist wohltuend, ihnen zu begegnen. Die Wahrheit ist zumutbar. Denn sie befreit.


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Dieser Beitrag wurde am 24.04.2017 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Domkapitular Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 und im Jahr 2019 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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