Wort zum Tage, 16.12.2014

von Pfarrer Christoph Seidl, Regensburg

Labyrinth des Schweigens

Deutschland 1958. Ein Überlebender von Auschwitz erkennt durch Zufall einen ehemaligen Lageraufseher als Lehrer auf einem Schulhof wieder. Ein befreundeter Journalist möchte mit einer Anzeige das Thema in die Öffentlichkeit bringen. Doch die Justiz verweigert zunächst die Annahme der Anzeige. Der junge Staatsanwalt Johann Radmann wittert eine Chance für seine Karriere. Je mehr er sich mit dem Fall beschäftigt, um so mehr stößt er auf ein Geflecht von Verdrängung und Verklärung. Trotz gesellschaftlicher und politischer Widerstände lässt sich der engagierte Jurist nicht entmutigen und bringt den ersten Auschwitz-Prozess ins Rollen, der im Jahr 1963 in Frankfurt am Main stattfindet.

Der Regisseur Giulio Ricciarelli hat mit seinem Film „Im Labyrinth des Schweigens“ ein Thema auf die Kinoleinwand gebracht, das unserem Land, aber wohl der ganzen Menschheit tief in den Knochen sitzt: Wie verarbeiten wir Ereignisse im Leben, die so einschneidend sind, dass unsere Sprache keine Worte mehr dafür findet?

Im Schweigen mag ein Schutzmechanismus liegen – für Opfer wie für Täter. Aber die Geschichte um die Verarbeitung von Auschwitz hat uns gelehrt, dass Heilung – wenn überhaupt – nur durch Offenlegung möglich ist. Mich berührt die Gestalt des Generalstaatsanwalts Bauer in dem Film. Er ist selbst ein Überlebender von Auschwitz, und er sagt sinngemäß: „Es kommt nicht darauf an, die Verantwortlichen mit einer gebührenden Strafe zu belegen – welche Strafe wäre für solche Greueltaten schon angemessen? Es kommt vielmehr darauf an, den Opfern Stimme und Ansehen zu geben – jene Würde, die ihnen seinerzeit verwehrt geblieben ist.“

Würde zurückgeben!

Den Verantwortlichen der Katholischen Kirche ist das schmerzlich bewusst geworden in der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Mir wird das auch immer wieder bewusst in der Seelsorge an Schwerkranken und Sterbenden: Oft muss am Ende, sozusagen fünf Minuten vor Zwölf, noch über etwas gesprochen werden, das sich auf das Leben als schweres Trauma gelegt hat. Es kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Aber es muss ausgesprochen werden, damit es offenbar wird und somit letztlich heilen kann – im ursprünglichen Sinne des Wortes: ganz werden – damit es zur Geschichte des Menschen dazugehören darf, sei es der des Opfers oder des Täters.

Mich hat der Film „Im Labyrinth des Schweigens“ zutiefst berührt. Und ich wünschte mir, dass wir Menschen in Deutschland, in der Kirche und insgesamt immer mehr lernen: Heil werden kann Leben nur, wenn auch die dunklen Seiten Stimme und Ansehen bekommen.


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Dieser Beitrag wurde am 16.12.2014 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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