Am Sonntagmorgen, 23.04.2017

von Christine Hober aus Bonn 

Kirchliches Leben in der Gemeinde. Stagnation oder Aufbruch?

Autorin
Die Zeit der vollen Kirchen – Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, die Zeit meiner Kindheit – wie lange ist das her! Als ich kürzlich einen Sonntagsgottesdienst in
St. Andreas Bad Godesberg besuche, erlebe ich -­ über vierzig Jahre später -­ ähnliches. Ich traue meinen Augen kaum: Die Kirche platzt aus allen Nähten! Wie damals, als man jeden Sonntag brav zur Kirche ging und alles irgendwie viel besser war … War es das wirklich? Ich erinnere mich an eine einheitlich gekleidete Menschenmenge. Kinder mit weißen Kniestrümpfen und Lackschuhen.  Eins davon ich. Auf der linken Seite überwiegend Frauen, rechts die Männer. Alle ernst. Singen, beten, schweigen.

 

Und in St. Andreas? Heute? Eine Atmosphäre, die, im Sinne des Wortes, begeistert! Alt und jung, Männer, Frauen und Kinder sitzen und stehen bunt gemischt neben­einander, feiern zusammen, lachen, singen, beten, reichen sich die Hände. Und vorne am Altar ein Pfarrer, der die Menschen ansieht, mit ihnen redet. Der die Stimmung wahrnimmt und in die Liturgie mit hineinnimmt. Ein Pfarrer, der Liturgie gestaltet und dem es gelingt, die Schönheit des Glaubens an diesem Sonntagmorgen aufleuchten zu lassen. Der Pfarrer ist Wolfgang Picken. Hat er ein Geheimnis? Zunächst einmal geht es um etwas ganz Schlichtes, scheinbar Selbstverständliches:

 

Pfarrer Picken
Im Wesentlichen sind es, glaube ich, zwei Dinge, die die Menschen suchen: Das eine ist Gemeinschaft. Und Kirche ist immer schon Gemeinschaft gewesen. Und das andere ist: sie suchen Spirit, also Geistliches. Wir leben in einer Zeit, die sehr materiell ausgerichtet ist und trotzdem gibt es viele, die spüren, dass das nicht alles ist und dass es mehr braucht. Und viele Statistiken hinsichtlich der seelischen Ausgebranntheit der Menschen geben uns da recht.

 

Autorin
Ähnlich sieht das auch der Pastoraltheologe Herbert Haslinger, der vor einiger Zeit gesagt hat: „Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass sie in Gemeinden vorfinden, was sie von der Kirche brauchen.“

 

Pfarrer Picken
Alleiniges Bemühen um liturgische Reformation, im Sinne der Termingestaltung oder wie mache ich den Gottesdienst schöner, wird nicht ausreichen. Weil wir nach wie vor viel zu sehr auch als Gottesdienstgemeinde isoliert sind – man gehört dazu oder man gehört nicht dazu. Also nur weil die Glocken läuten, weil man hört, da gibt’s schönen Weihrauch und Kerzen, werden da nicht wahnsinnig viel mehr Leute hinkommen.

 

Autorin
Dechant Dr. Wolfgang Picken leitet seit November 2004 die Kirchengemeinde
St. Andreas und Evergislus im Godesberger Rheinviertel. Dort hat er die Fusion der ehemals fünf Gemeinden herbeigeführt und das Gemeindekonzept „Gemeinde im Aufbruch“ ent­wickelt und umgesetzt. Im Rheinviertel hat sich seitdem der Kirchenbesuch auf 24 Prozent fast vervierfacht. Die Zahl neu in die Kirche Aufgenommener und ehrenamtlich Tätiger ist ebenfalls angestiegen. Und damit nicht genug: Seit 2013 bilden die drei großen Kirchengemeinden Godesbergs einen Seelsorgebereich mit Wolfgang Picken als leitenden Pfarrer. Er ist Manager, Verwalter, Seelsorger, Charismatiker, Liturge. Alles in einer Person. Hat er ein generelles Erfolgsrezept? Pfarrer Picken winkt ab:

 

Pfarrer Picken
Es gibt nur persönliche Rezepte. Ich glaube, dass das, was wir in Bad Godesberg machen, nicht eins zu eins zu übertragen wäre, aber es liegt vielleicht ein Stück Konzept und Idee in dem, was wir hier tun, was auch für andere Gemeinden in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum spannend und interessant ist.

 

Autorin
Das von Pfarrer Picken entwickelte Konzept heißt „Gemeinde im Aufbruch“ und versteht sich als Konzept einer missionarischen Pastoral der Zukunft. Es geht davon aus,

 

Pfarrer Picken
… , dass Kirche ihre Themen in der Gesellschaft vor Ort besetzt. Und über die Art und Weise, wie sie diese Themen besetzt, werden die Menschen erst wieder auf einen Gottes­dienst aufmerksam. Damit will ich sagen, seltenst wird es so sein, dass Gottesdienst aus sich heraus so viel Strahlkraft hat, dass plötzlich sich die Bänke füllen.

 

Autorin
Der katholischen Kirche laufen die Mitglieder davon. Immer weniger Gläubige besuchen die Sonntagsgottesdienste. Vielerorts macht sich Ratlosigkeit oder gar Resignation breit. Bei Pfarrer Picken ist das anders. Er ist ein Macher, energiegeladen, voll Zuversicht und mit festem Vertrauen in die Sache Jesu.

 

Pfarrer Picken
Also wir müssen ein Wording pflegen, in dem glaubwürdig zum Ausdruck kommt, dass wir der festen Überzeugung sind, dass Gott mit uns auf dem Weg ist. Dass er eben nicht seine Kirche alleine lässt. Und wir müssen fest davon überzeugt sein, dass das Produkt „Glaube, Gemeinschaft, Geistlichkeit“ etwas ist, dass wir zu bieten haben und das gebraucht wird, weil jeder Mensch das eigentlich existentiell braucht.

 

Autorin
Die Frage ist, wie dies heute gelingen kann.

 

Pfarrer Picken
Man muss moderne Formen von Gemeinschaft und Zugang zur Gemeinschaft ermög­lichen und auch Menschen haben, die das organisieren und die Menschen zusammen­führen. Und das ist auch eine wichtige Aufgabe der Kirche, dass wir uns fragen müssen: Führen wir die Menschen wirklich noch zusammen? Sprechen wir ihre Sprache? Sprechen wir sie an? Wie finden wir Kontakt zu ihnen? Wie binden wir sie?

 

Autorin
Klar ist: ein Pfarrer allein und auch seine Hauptamtlichen können das nicht leisten.

 

Pfarrer Picken
Hier in Bad Godesberg wird jede Aufgabe, die wir neu gestalten, in der Zeitung aus­geschrieben. Damit wird klar, die Idee haben wir, aber es kann hier jeder mitmachen. Wir haben den Suppenhimmel als ein caritatives Thema, Mittagstisch für alle Menschen. Und wie haben wir‘s gemacht? Wir haben erst mal alle Gastronomen angefragt, die haben selbstverständlich jetzt das Essen zur Verfügung gestellt, und wir haben in der Zeitung ausgeschrieben, nicht in unseren Pfarrnachrichten. Und plötzlich haben Sie 100/120 Ehrenamtler, von denen ganz, ganz viele eigentlich keine Berührung zur Kirche haben. Und jetzt, jetzt haben Sie sie wieder und jetzt ist die Chance gegeben, dass wir sie vielleicht auch einladen aufzu­tanken, im Gottesdienst, und zu uns zu kommen.

 

Autorin
Auch heute gibt es immer noch funktionierende Gemeinden mit engagierten Gremien und vielfältigen Aktivitäten. Doch oft – und das ist das Problem - bilden diese Gemeinden einen geschlossenen Kreis von Katholiken, die überhaupt nicht das Bedürfnis haben, ihre Gemeinde für anders Denkende oder Kirchenferne oder auch nur für Menschen mit einem anderen Lebensstil zu öffnen. Christen, die gerne als „kleine Herde“ (Lk 12,32) leben und denen das matthäische „gehet hin in alle Welt und verkündet das Evangelium“ (Mt 28,19) offen­sichtlich abhandengekommen ist.

 

Und es gibt auch in funktionierenden Gemeinden kommunikative Unarten, die – obwohl weit verbreitet – alles andere als harmlos sind und wenig einladend wirken.

 

 

Pfarrer Picken 
Es geht nicht, dass wir über einander reden, wenn Menschen, über die wir reden, nicht dabei sind. Also dieser Klassiker, man hat gehört und man hat gesagt, gehört sich nicht unter Brüdern und Schwestern. Sondern man muss offen miteinander reden – wir dürfen nicht das Niveau eins Kaninchenzüchtervereins oder einer Karnevalsgesellschaft haben, sondern da muss es ein gewisses Standing geben, wie wir miteinander umgehen. Das muss man sehr glaubwürdig leben, und dort, wo da sich nicht rangehalten wird, auch bereit sein, Konflikte einzugehen, damit die Leute merken, da versucht man wirklich geschwisterlichen Umgang. Wenn das so ist, dann kann man auch unterschiedliche Meinungen gut ertragen und akzeptieren. Schwierig wird es, wenn man einen so nickeligen und fiesen Umgang miteinander hat und das ist in vielen Gemeinden nach wie vor der Fall.

 

Autorin
Das Prinzip der Geschwisterlichkeit allein wird die Gemeinden auf lange Sicht nicht retten, wenn man die rückläufigen Zahlen bei der Priesterausbildung betrachtet. Insgesamt gab es 2015 nur 58 Priesterweihen im gesamten Bundesgebiet. Die Zahlen sind weiter rück­läufig, Priesterseminare werden schon seit einiger Zeit zusammengelegt, etliche werden mangels Nachwuchs und Nachfrage geschlossen. Wenn man davon ausgeht, dass es in einigen Jahren fast überhaupt keinen Priesternachwuchs mehr geben wird, wird das Ausbluten der Gemeinden weitergehen …

 

Pfarrer Picken
Wir müssen in der Kirche andere Berufe einbinden, wir müssen kompetente Menschen haben, die Sozialarbeit, die Jugendarbeit machen können. Auch Menschen, die vielleicht einen Hintergrund haben, Seniorenarbeit machen zu können, um ein anderes Thema auf­zugreifen. Das ist nicht die ausschließliche Kompetenz eines geweihten Priesters.

 

Autorin
Noch ist der Seelsorgebereich Bad Godesberg ganz gut mit Geistlichen versorgt, doch auch das wird sich in absehbarer Zeit ändern.

 

Pfarrer Picken
Wir müssen uns sehr gut fragen, woher kommen geistliche Berufe. Geistliche Berufe können nur aus der Klientel von jungen Menschen kommen. Es ist nicht unbedingt die Frage der Zugangsvoraussetzungen, das ist immer sehr kurz gegriffen, sondern die Frage: Wo sind denn die Menschen der jungen Generation noch in Verbindung mit Kirche? Das hat im wesentlichen damit zu tun, dass wir in unseren Seelsorgeteams – ich nehm mich selbst als Beispiel, ich bin jetzt 50 Jahre alt – zu großen Teilen keine Mitglieder mehr im Seelsorgeteam haben, die die Altersnähe zu den jungen Menschen haben. Das kann ich jetzt traurig zur Kenntnis nehmen, und ich lass diesen Prozess sich einfach so weiterentwickeln oder ich setze dem strategisch etwas entgegen. Jugend bindet man nur durch Menschen, die sie binden. Und das fehlt!

 

Autorin
Pfarrer Picken hat deshalb vor zwölf Jahren zwei Jugendreferenten eingestellt, die aus eigenen Mitteln bezahlt werden. Sie binden allein in einer Gemeinde des Seelsorgever­bands Bad Godesberg 800 Jugendliche. Ein Phänomen, das der Statistik der letzten Shell Jugendstudie von 2015 zu trotzen scheint. Dort wird festgestellt, dass religiöse Rituale und Vorschriften aus vergangenen Zeiten viele Jugendliche abschrecken. Sie schätzen zwar die soziale Rolle der Kirche, vermissen jedoch oft Antworten auf wichtige Fragen ihres Lebens.

 

Das, so die Erfahrung Pickens, ändert sich aber in dem Moment, wo Jugendliche Bindung und Zugehörigkeit erfahren, …

 

Pfarrer Picken
… wo sie Gemeinschaft erleben, Kirche als etwas Aufbrechendes, Dynamisches, etwas, was sie anbindet und was Spaß macht, das ihnen Werteorientierung gibt … Viele Jugendliche suchen nach Werten und im Übrigen sind sie auch bereit, sich leidenschaftlich für ihre Werte einzusetzen. Im Zweifel auch wie im Evangelium – alles stehen und liegen zu lassen, um der Gesellschaft von heute einen Gegenakzent zu setzen.

 

Autorin
Der Nährboden, der neue Berufungen hervorbringt, ist also gute Jugendarbeit.

 

Pfarrer Picken
Wir haben schon zwei Priesterweihen, wir haben zwei im Priesterseminar und wir haben insgesamt 14 Jugendliche, die an theologischen Fakultäten studieren.

 

Autorin
Der Seelsorgebereich Bad Godesberg ist die größte Pfarrei im Erzbistum Köln mit fast 30.000 Katholiken. Die XXL-Pfarrei ist breit aufgestellt mit inzwischen 250 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die in unterschiedlichen Bereichen tätig sind. Als Sozialpädagogen, Erzieherinnen, Betriebswirte, Palliativschwestern und vieles mehr, im Dienst aller Bürger und Bürgerinnen von Bad Godesberg. Das heißt, dass …

 

Pfarrer Picken
…Kirche plötzlich neu wahrgenommen wird, als der Vertreter für hospizliche Arbeit, als der Vertreter für die Sorge um Kinder und Jugendliche, als der Vertreter, der sich gerade im Blick auf kleine Kinder und deren Familien Gedanken macht, wie kann denn ganzheitliche Pädagogik und Einbindung aussehen. Als der Vertreter, der sich glaubhaft für Flüchtlings­hilfe engagiert, als der Vertreter der gewaltlosen Kommunikation, was bei uns in Bad Godesberg ein großes Thema ist, sich auf die Fahnen schreibt und dafür in die Öffentlich­keit tritt.

 

Autorin
Verglichen mit der Kirche in den 60er und 70er Jahren sind heute so viele Laien kirchlich engagiert wie nie zuvor.

 

Pfarrer Picken
Es gibt in der deutschen Kirche an vielen Stellen Aufbrüche, in denen deutliche Verände­rungen positiver Art zu sehen sind, aber sie werden von der Öffentlichkeit, der Kirche und Verantwortlichen nicht wahrgenommen und auch nicht als Beispiel aufgegriffen. 

 

Autorin
Natürlich kann man Aktionen und Projekte nicht eins zu eins übertragen, aber man kann sie, so Picken, als Modelle nehmen, um sie an anderer Stelle zu implementieren und ähnliche Aufbrüche zu erzeugen.

 

Dank der guten Konjunktur nehmen die Kirchen trotz sinkender Mitgliederzahlen so viel Steuergelder ein wie noch nie. Es gäbe also durchaus Chancen, die Handlungsfähigkeit der Kirche auf breitere Füße zu stellen.

 

Pfarrer Picken
Aufbruch in der Kirche wie in einem Wirtschaftsunternehmen ist immer ein Investitions­projekt. Und wenn ich nicht aufbrechen will, dann breche ich auch nicht auf. Wenn ich auf­brechen will hingegen, dann investiere ich alles, was ich habe, in diesen Aufbruch. Und diese Konsequenz, vielleicht auch diese Radikalität, die spürt man gegenwärtig nicht.

Autorin
Es gibt Geld, es gibt auch Ideen …

Pfarrer Picken
Aber wir stellen einfach fest, dass das Charisma der neuen Idee, das Charisma, Konzeptionen zu entwickeln, nicht in der Kirche wahrgenommen wird.

Autorin
Wolfgang Picken mag es überhaupt nicht, wenn man Chancen vertut. Er wird – um der Menschen willen – weiter für die Zukunft der Kirche und für den Fortbestand kirchlichen Lebens in der Gemeinde kämpfen.


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Dieser Beitrag wurde am 23.04.2017 gesendet.


Über die Autorin Christine Hober

Christine Hober, Dr. theol., arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Kontakt
c.hober@arcor.de

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