Morgenandacht, 15.04.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Zeitenschrunde

Es gibt Momente, da scheint die Zeit stehen zu bleiben. Schrecksekunden, in denen man meint, die Erde hört auf, sich zu drehen – aber auch Momente großen Glücks wie das Sich-Verlieben oder die unerwartete Wiedersehensfreude. Die leidvollen Erfahrungen brennen sich nur leider wesentlich intensiver ins Leben ein.

Eine Frau erzählt mir: „Als mein Mann abends nicht nach Hause kam, hatte ich schon ein flaues Gefühl im Magen. Er rief sonst immer an, wenn er sich verspätete. Aber an diesem Abend war es anders. Es war unerträglich. Gegen Mitternacht klingelte es an der Tür. Ich öffnete ängstlich, und da standen sie – eine Polizistin und ein Herr von der Notfallseelsorge. Sie überbrachten mir die Nachricht vom Verkehrsunfall. Mein Mann – tot. Dieses Bild vergesse ich nicht mehr, diese beiden Gesichter … Was dann geschah, ich weiß es nicht mehr. Ich war wie gelähmt, wie wenn mir einer mit der Bratpfanne eins übergezogen hätte. Ein Ausnahmezustand – irgendwie unwirklich, gespenstisch, wie wenn ich nicht in meinem Körper gewesen wäre …“

Solche Zeiten, wie sie die Frau erlebt hat, möchte man am liebsten aus dem Kalender streichen. Heute ist ein Tag, der mich an all die erinnert, die so etwas erlebt haben oder gerade erleben müssen. Karsamstag – ein leerer Tag. Bei Paul Celan habe ich für solche Tage ein Wort gefunden: die „Zeitenschrunde“. Es stammt aus dem Gedicht „Weggebeizt“ - und da heißt eine Zeile:

Tief in der Zeitenschrunde, beim Wabeneis wartet, ein Atemkristall, dein unumstößliches Zeugnis.

Zeitenschrunde – wie ein tiefer Abgrund – und dennoch wartet da ein Atemkristall, eine Möglichkeit, wie das Leben weitergehen kann.

Als ich vor ein paar Wochen die Grabeskirche in Jerusalem besuchen durfte, hatte ich ein sehr eindrückliches Erlebnis von dieser Zeitenschrunde: Man muss sich in eine lange Schlange stellen, um in die Grabkammer Jesu eintreten zu können. Das kann schon eine halbe oder dreiviertel Stunde dauern. In der großen Kirche gibt es einen hohen Geräuschpegel von Stimmengewirr und Handwerkern, die vor fünf Wochen gerade noch am Renovieren waren. Als ich dann endlich an der Reihe bin und mich bücke, um in diesen besonderen engen Raum eintreten zu dürfen, da ist es mir, als stünde ich plötzlich in einer anderen Welt. Die Geräusche von draußen sind wie ausgeblendet und ich bin von einer feierlichen Stille umgeben. Plötzlich bin ich aber auch mit mir selbst allein, auf mich geworfen. Ein Gefühl von Bewegtheit und Unruhe, vieles geht mir in dieser Stille durch den Kopf. Zugleich fühle ich mich tief getröstet. Atemkristall? Es sind vielleicht nur 30 Sekunden, bis der Wächter ein Signal gibt, dass es weitergehen muss. Sie fühlten sich allerdings sehr viel länger an!

Zeitenschrunde. Die Evangelien des Neuen Testamentes erzählen von der Auferstehung Jesu am dritten Tag. Der dritte Tag hat eine besondere Bedeutung in der biblischen Geschichte. Es ist der Tag des Eingreifens, der Offenbarung Gottes, der allerdings der zweite Tag vorausgeht. Dies ist der Tag der Hilflosigkeit des Menschen – die Zeitenschrunde. Sie fühlt sich bodenlos an wie eine schier unüberwindbare Felsspalte. Sie macht mir bewusst, dass ich aus eigener Kraft nicht weiterkann. Heute ist für mich ein Tag, der mich an all die denken lässt, die sich in dieser Zeitenschrunde befinden – Menschen im Ausnahmezustand, mit einem großen Fragezeichen in ihrem Leben. Diese Zeit ist für mich wie die Brachzeit auf einem Feld. Es scheint alles still zu stehen, alles zu verwildern, alle Ordnung und Planung wie weggewischt. Und dennoch: im Untergrund bereiten unzählige Mikroorganismen den Boden vor für neues Wachstum, neues Leben, neue Kraft – für den dritten Tag. Diese Zuversicht, diesen Trost wünsche ich allen, die gerade so eine Zeitenschrunde erleben.


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Dieser Beitrag wurde am 15.04.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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