Morgenandacht, 13.04.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

Einer für alle

Christina ist zehn Jahre alt. Letztes Jahr im Mai feierte sie Erstkommunion. Ihr Großvater hat ihr zu diesem Fest ein Buch geschenkt mit dem Titel: „Was Dir Opa gerne fürs Leben sagen möchte.“ Es ist ein Buch mit vielen gedruckten Überschriften und vielen freien Zeilen, in die der Großvater selbst etwas hineingeschrieben hat; daneben noch Seiten mit Platz für Fotos. Christina liebt ihren Großvater sehr, aber mit diesem Geschenk konnte sie letztes Jahr nicht sehr viel anfangen. Ein Buch halt …

Vor ein paar Wochen ist ihr geliebter Opa nun gestorben. Als sie von der Verabschiedung im Krankenhaus nach Hause kommt, verschwindet sie in ihrem Zimmer. Die Eltern vermuten, dass sie nun ihre Ruhe braucht, vielleicht zum Nachdenken und zum Weinen. Nach einiger Zeit sieht die Mutter nach – Christina sitzt auf ihrem Bett, vertieft in Opas Buch. Seite für Seite, Zeile für Zeile saugt sie es in sich auf. Plötzlich haben diese Worte ein ganz anderes Gewicht. Da steht etwas darüber, wie wichtig die Familie und der Zusammenhalt ist. Da finden sich die schönsten gemeinsamen Erlebnisse. Unter der Überschrift „Mein Lebensmotto“ ist zu lesen: „Einer für alle, alle für einen.“ Bei der Vorbereitung des Requiems – der katholischen Totenmesse -  erzählt mir die Familie von Christinas plötzlicher Begeisterung für Opas Buch. Viele Beispiele belegen, dass dieses Leitwort aus Alexandre Dumas Roman „Die drei Musketiere“ sich tatsächlich wie ein roter Faden durch das Leben des Verstorbenen hindurch zieht. So wie er immer für die Familie, die Freunde, die Arbeitskollegen da war, wann immer er gebraucht wurde, so hielten in den letzten zwei Jahren der Krankheit alle zusammen, um für ihn dazu sein, wann immer er etwas brauchte. Und jetzt, nach seinem Tod, gewinnt diese verschriftliche Lebensweisheit auch für Christina eine besondere Bedeutung. Etwas wie ein Testament von dem geliebten Menschen, der jetzt einen neuen Platz in ihrem Herzen bekommt – auch mit Hilfe des bisher nicht besonders beachteten Buches.

Heute begehen Christen den Gründonnerstag. Zwei Szenen prägen diesen Tag aus biblischer Sicht: Zum einen das letzte Abendmahl, das weit mehr ist als eine „Henkersmahlzeit“. In dieser Zusammenkunft bringt Jesus den Sinn seines Lebens auf den Punkt: Mein Fleisch und mein Blut für Euch – das bedeutet in hebräischer Ausdrucksweise: So bin ich für Euch – das ist mein Leben für Euch. Wie ich Brot und Wein teile und an Euch verschenke, so war ich die ganze Zeit meines Wirkens für Euch da: mein Leben, meine Worte, meine Liebe für Euch. Einer für alle! Und was wir heute Abend in dieser Ausnahmesituation miteinander feiern, das tut selbst immer wieder – aber nicht nur, indem Ihr miteinander Mahl haltet, sondern indem ihr euch mein Leben in Fleisch und Blut übergehen lasst: Ich für Euch – Ihr füreinander! Einer für alle – alle für einen!

Und die zweite Szene, sie ist beim Evangelisten Johannes überliefert: die Fußwaschung. Jesus macht damit deutlich: Wenn es um den Menschen geht, ist nichts unter meiner Würde – für euch leiste ich auch den niedrigsten Dienst. Und was ich an Euch tue, das tut auch ihr füreinander! So und nur so funktioniert Menschsein: Einer für alle, alle für einen! So bin ich! Und so sollt auch Ihr sein! Das nennt die Bibel „Bund“ - das nennen wir „Testament“, die Grundlage eines Lebens, das sich der Liebe anderer verdankt und in der Pflicht sieht, diese Liebe anderen weiter zu schenken.

Christina hat durch den Tod ihres Großvaters nun einen neuen Bezug zu seiner Lebensweisheit bekommen. Nicht jeden Tag wird diese Weisheit gleich präsent in ihrem Leben sein, aber grundgelegt ist sie. Dieser Gründonnerstag heute erinnert mich an meine Lebensgrundlage und an meinen Bezug zur wohl wichtigsten Lebensweisheit: „Ich für euch – ihr füreinander!“


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Dieser Beitrag wurde am 13.04.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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