Morgenandacht, 12.04.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

My way

Non, je ne regrette rien … sang Edith Piaf in ihrem wohl bekanntesten Chanson. Nein, ich bereue nichts! Frank Sinatra hat es ein bisschen anders formuliert: Regrets, I´ve had a few … und dann: I did it my way! Ich hab´s auf meine Art getan! Viel zitiert von berühmten Persönlichkeiten, gern aufgenommen in Biografien, auch bei mancher Beerdigung habe ich das Lied schon gehört. Auf meine Weise – das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht doch manches zu bereuen gäbe.

Ich erinnere mich an die Begleitung von Herrn K., einem alten Herrn, der in seinen letzten Lebenstagen auf der Palliativstation immer wieder von seiner Frau erzählt, die schon vor zehn Jahren gestorben war. Herr K. erzählt sehr schön von ihr und ihrem gemeinsamen Leben, aber irgendetwas bedrückt ihn. Irgendwann quillt es aus ihm heraus: Ich kann es mir nicht verzeihen, dass ich oft so abweisend zu ihr war. Sie hatte so ein feines Wesen, aber ich war manchmal so unnahbar ihr gegenüber, wie ein Mehlsack. Wenn sie in ein Konzert gehen wollte, war ich zu bequem dazu; wenn sie Bekannte besuchen wollte, hatte ich gerade keine Lust. Wenn sie einen Wochenend-ausflug machen wollte, wollte ich es mir lieber zuhause gemütlich machen. Im Rückblick bereue ich das sehr, das war nicht sehr partnerschaftlich von mir. Wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen. Aber das geht ja jetzt nicht mehr.“ „Warum eigentlich nicht“, sage ich zu ihm. „Wissen sie, ich glaube ja, dass es mit diesem Leben noch nicht zu Ende ist. Angenommen, Ihre Frau würde hier auf diesem leeren Stuhl sitzen, was würden Sie ihr jetzt sagen?“ Herr K. stutzt ein paar Atemzüge lang, dann beginnt er: „Ach weißt Du, meine liebe Marianne, jetzt sehe ich so vieles anders!“ Und mit gebrochener Stimme sagt er ihr jetzt ganz persönlich, was er vorher mir gegenüber bedauert hatte. Er weint dabei viel, aber seine Stimme klingt unglaublich vertraut und liebevoll, gleich als ob er ihr leibhaftig gegenüber sitzen würde. „Jetzt ist mir viel leichter!“, sagte er abschließend. „Seltsam, was es ausmacht, das, was einen bedrückt, richtig aussprechen zu können.“

In der Leidensgeschichte Jesu gibt es einen Freund, der insgesamt wohl eine starke Persönlichkeit gewesen sein muss. Aber in einer entscheidenden Situation leistet er sich einen ziemlichen Fehltritt: Petrus! Zuerst sagt er noch zu Jesus: „Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen.“ (Mt 26,35) Aber als er von den Umstehenden in die Enge getrieben wird, leugnet er gleich dreimal, ihn zu kennen. Ein krähender Hahn erinnert ihn an sein Versprechen. Da wird ihm schmerzhaft bewusst, wie er sich verhalten hat. Er geht hinaus und weint bitterlich. Tief bereut er, dass er sich seinem besten Freund gegenüber so verhalten hat! Freilich, rückgängig machen kann er es nicht, was ihn belastet. Aber er bereut sein Verhalten, und diese Reue gibt dem Unveränderbaren noch ein anderes Gesicht. Die Reue macht ihn so menschlich.

Der Wiener Arzt und Therapeut Viktor E. Frankl (1905-1997) sagt einmal: „Selbst ein Leben, das wir anscheinend vertan haben, lässt sich noch rückwirkend mit Sinn erfüllen, indem wir gerade durch die Selbsterkenntnis über uns hinauswachsen.”

Der Satz von Frank Sinatra: I did it my way – Ich hab´s auf meine Art getan – besagt für mein Verständnis gar nicht, dass alle Fehler im Leben geschönt werden sollen. Vielmehr wird gerade mit den Mitteln der Selbsterkenntnis und der Reue aus dem Leben mit allen Ecken und Kanten ein wertvolles, ganz eigenes Kunstwerk! Vielleicht passt es rückblickend auch auf Petrus und auf Herrn K. Ganz sicher auch auf mich, wenn ich – bisweilen auch schmerzhaft – auf einzelne Szenen meines Lebens zurückblicke. Denn so wachse ich im Leben und am Leben.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 12.04.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche