Morgenandacht, 10.04.2017

von Pfarrer Christoph Seidl aus Regensburg

(Nicht) allein!

„Hast Du schon gehört, die Frau Huber von gegenüber soll Krebs haben. Die Nachbarin hats gesagt. Ich kenne sie vom Einkaufen, nicht näher. Wir sehen uns fast jeden Tag, aber jetzt schon eine ganze Weile nicht mehr. Das macht mich ganz betroffen.“ So erzählt mir eine gute Bekannte. Ich sage: „Hast Du sie schon angerufen?“ Aufgeregtes Abwehren: „Nein, wo denkst Du hin! Was soll ich denn da sagen? Außerdem wirkt das doch bestimmt furchtbar neugierig!“ „Ich denke nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass die Frau Huber jetzt ziemlich alleine ist, vor allem, wenn alle denken: Was soll ich denn da schon sagen!? Du könntest sie anrufen und sagen: Mir fehlen eigentlich die Worte, aber ich wollte Ihnen zeigen, dass ich an Sie denke und dass ich da bin, wenn Sie jemanden brauchen!“ Meine Bekannte hat das getan – und es ergab sich ein langes, sehr gutes Gespräch, voller Freude darüber, dass Frau Huber sich auch in dieser schweren Zeit nicht verlassen fühlt.

Schicksale können einsam machen. Das ist mir vor ein paar Wochen ganz plastisch deutlich geworden bei einer Pilgerreise ins Heilige Land. Zu den klassischen Orten gehört natürlich Jerusalem. Mitten durch die Altstadt führt die Via Dolorosa – der Schmerzensweg, auf dem Jesus sein Kreuz bis nach Golgatha getragen hat. Quer durch die engen Gassen mit unzähligen kleinen Geschäften und einem bunten Treiben aus Alltag und Pilgertourismus schieben sich auch immer wieder kleine Gruppen oder auch einzelne Menschen, die mit einem Holzkreuz auf den Schultern den Weg Jesu nachgehen. Manche beten oder singen dabei laut, andere gehen den Weg schweigend.

Es gehört zum Straßenbild von Jerusalem. Viel Beachtung finden diese Leute nicht. Und ich denke mir im Stillen: So ist es auch im Leben. Mitten im Trubel des Alltags tragen Menschen ihr Kreuz. Krankheit, Trennung, Armut, ein Familienschicksal. Um sie herum geht das Leben weiter. Manchmal schaut jemand hin, aber weil der Blick unangenehm ist, wendet er sich schnell wieder ab, lässt den Betrachter verstummen. „Was soll ich da schon sagen?“

Reinhard Mey kommt mir da in den Sinn, der in seinem Lied Allein von 1990 sehr nachdenkliche Worte findet

Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.
Wir mögen noch so sehr geliebt, von Zuneigung umgeben sein:
Die Kreuzwege des Lebens geh‘n wir immer ganz allein.
Allein,
Wir sind allein,
Wir kommen und wir gehen ganz allein.

Aber das ist nur die eine Seite. Man kann tatsächlich etwas gegen dieses Allein-Sein tun. Der Anruf bei der Frau von gegenüber zum Beispiel ... Das wäre die eine Möglichkeit.

Kommunikation besteht jedoch nicht nur aus Worten. Im Zusammenhang mit der Leidensgeschichte Jesu wird auch die Geschichte von der Salbung in Bethanien erzählt. Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihrem Haar. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt. (Joh 12,3) Kostbares Salböl. So etwas scheint nicht mehr in unsere Kultur zu passen. Und dennoch sehe ich, dass gute Menschen anderen, die ihr Kreuz zu tragen haben, selbstlos Kostbares schenken: ihre Zeit zum Beispiel, wenn sie Kranke besuchen oder sich im Hospizdienst engagieren; ihr Ohr, mit dem sie zuhören – nicht wertend, aber wertschätzend; ihre Talente, indem sie sich engagieren und nützliche Dienste anbieten im Rahmen der Nachbarschaftshilfe. Wie notwendig brauchen pflegende Angehörige gelegentlich jemanden, der den zu Pflegenden eine Weile betreut, damit ein Arzt- oder Behördenbesuch möglich wird oder eine kleine Auszeit. Zeit und Nähe gehören sicher zu den kostbarsten Geschenken, die wir geben können.

Unbestritten gibt es Wege, die die Betroffenen dann immer noch alleine gehen müssen, aber vielleicht doch mit einem gefühlten Netzwerk von Freundinnen und Freunden, die mit ihrer Solidarität bei mir sind und mir den Rücken stärken für mein persönliches Kreuz.


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Dieser Beitrag wurde am 10.04.2017 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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