Wort zum Tage, 08.04.2017

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Wahrheit

Du sollst nicht lügen! Meine Eltern haben mir das als Kind vor Jahrzehnten so eingeschärft. Ich muss gestehen: Gehalten habe ich mich damals auch nicht immer daran. Und selbst heute noch, als längst Erwachsener, sage ich sicher nicht unter allen Umständen die Wahrheit. Etwas, das mich übrigens mit den allermeisten Menschen verbindet. Oder würden Sie der Gastgeberin, bei der sie eingeladen sind, ins Gesicht sagen, wie scheußlich sie gekleidet ist? Wahrscheinlich nicht. Und dennoch: Die Unwahrheit zu sagen fällt mir schwer und jede noch so kleine Lüge zieht unweigerlich ein schlechtes Gewissen nach sich.

Es geht mir bis heute so. Eines ist mir nämlich immer klar gewesen: Jede Lüge, die auffliegt, kann nicht nur ziemlich peinlich werden. Sie zerstört in einem einzigen Moment auch eine Menge Vertrauen. Ein Vertrauen, das ich mir vielleicht über Jahrzehnte aufgebaut habe. Vertrauen sei schließlich der Anfang von allem, meinte auch Deutschlands größte Bank einmal, bevor sie das Vertrauen ins eigene Institut ziemlich ruiniert hat. Ohne Vertrauen werden aber nicht nur Geschäfte schwierig. Fehlendes Vertrauen frisst sich durch eine Gesellschaft und am Ende in die eigene Seele hinein. Wer es mit der Wahrheit also nicht so ernst nimmt, darf sich nicht wundern, wenn es einsam um ihn wird.

Nur, was ist Wahrheit? In der Bibel stellt diese Frage ausgerechnet ein römischer Beamter: Pilatus. Als oberster Richter muss er den Prozess gegen Jesus führen. Der ist als religiöser Unruhestifter angeklagt, ihm droht die Todesstrafe. Von sich selbst sagt dieser Jesus nun, er sei gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Doch der Römer Pilatus kann damit nicht viel anfangen. „Was ist Wahrheit?“, hält er Jesus entgegen. Eine Antwort darauf bekommt er nicht, zumindest ist uns keine überliefert.

Dass Drei mal Drei Neun ist und nicht Zehn, auch das ist eine Wahrheit. Eine, die auch der Römer Pilatus kaum angezweifelt hätte. Doch darum geht es in diesem Disput nicht. Es geht ums Ganze. Letztlich um mich und um Gott. So, wie ich Jesus verstanden habe, wollte er vor allem, dass ich mich ehrlich mache vor mir selbst. Mit all meinen Stärken und ganz besonders mit meinen Schwächen. Umkehren hat er das oft genannt. Dass ich, anders gesagt, mich so erkenne, wie ich in Wahrheit bin und mich trotzdem annehmen und lieben kann. Weil ich so, wie ich bin, auch von Gott akzeptiert und geliebt bin.

Wer in diesem tieferen Sinn also wahr zu sich selber sein kann, der muss sich auch nicht mehr hinter Lügen verstecken. Der Satz hieße dann nicht mehr: „Du sollst nicht lügen“, sondern „Du musst nicht lügen“. Es ist die Wahrheit, die letztlich freimacht.


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Dieser Beitrag wurde am 08.04.2017 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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