Wort zum Tage, 07.04.2017

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Gehen Sie vor

„Gehen Sie doch vor“. Ich liebe diesen Satz. Wie oft bin ich im Supermarkt und habe nur ein paar kleine Dinge zu bezahlen. Wenn ich dann jedoch zur Kasse komme, stehen da schon drei Kunden mit vollgepackten Einkaufswagen vor mir. Brav reihe ich mich in die Schlange ein und stöhne insgeheim über die Zeit, die mich dieser kleine Einkauf nun kosten wird. Doch dann höre ich ihn, den freundlichen Satz: „Gehen Sie doch vor. Sie haben ja nicht viel.“

Der Satz ist für mich immer ein kleiner Lichtblick im Tag. Dabei geht es gar nicht um die paar Minuten, die ich nun schneller mit dem Einkaufen fertig bin. Es geht vor allem darum, dass da jemand aufmerksam gewesen ist für den, der neben ihm steht. In dem Fall für mich. Und vor allem, dass dieser nette Mensch auch noch freiwillig verzichtet und mir seinen Platz angeboten hat. Im Alltag ist das ja nicht unbedingt die Regel. Viel öfter erlebe ich Gleichgültigkeit oder gar ausgefahrene Ellenbogen. Beim Ausparken auf dem Parkplatz etwa. Wie oft passiert es mir, dass beim Zurücksetzen aus der Parklücke schnell noch einer hinter mir her saust, statt ein paar Sekunden zu warten. Oder am Samstag beim Stelldichein im Bäckerladen. Immer wieder treffe ich da auf Zeitgenossen, die meinen, wo sie sind, da ist vorne und die sich einfach vordrängeln.

„Gehen sie doch vor!“ Im besten  Fall beschreiben die vier kleinen Wörter nämlich eine Lebenshaltung. Wir Kirchenleute reden ja nicht selten von der Nächstenliebe. Meistens kommt das Wort dann ziemlich gewichtig und bedeutungsvoll daher, klingt irgendwie mühsam und mächtig anstrengend. Schließlich wird die Nächstenliebe von der Bibel als das zweitwichtigste Gebot bezeichnet. Fast so wichtig wie die Liebe zu Gott. Dabei muss diese Nächstenliebe gar nicht mühsam und anstrengend sein. Ganz oft genügt es nämlich schon, ein bisschen aufmerksam durch den Tag zu gehen. Nicht nur sein eigenes Ding im Blick zu haben, sondern auch mal nach links und rechts zu schauen. Auf die Menschen, mit denen ich zu tun habe oder denen ich einfach zufällig begegne. Ein aufmunternder Blick oder ein freundliches Wort, garniert mit einem kleinen Lächeln. Die Schweizer Autorin Sybille Berg schrieb einmal: „Möglichkeiten, Menschen zu mögen, sind jeden Tag vorhanden“. Sie hat wohl recht und oft ist es gar nicht mal so schwer.


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Dieser Beitrag wurde am 07.04.2017 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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