Wort zum Tage, 06.04.2017

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Das Etikett

„Was für ein Trottel! Der hält den ganzen Verkehr auf! Kann nicht richtig fahren, muss aber ausgerechnet jetzt hier rumgurken!“

Ganz klar, solche Sprüche sind unverschämt und gehören sich nicht. Das weiß ich und trotzdem rutscht auch mir das hin und wieder mal raus. Meistens, wenn ich gerade im Auto unterwegs bin und es furchtbar eilig habe. Dabei kenne ich den Menschen, der meiner Ansicht nach zu langsam vor mir herfährt, überhaupt nicht. Trotzdem habe ich sofort eine Meinung von ihm. Habe ihm gewissermaßen ein Etikett angeheftet, obwohl ich ihn nie zuvor gesehen habe und ihm  höchstwahrscheinlich auch nie wieder begegnen werde. Ob Blödmann, Trottel oder was auch immer, Etiketten wie diese sind schnell verteilt an jeden, der irgendwie nicht ins eigene Weltbild passt. Es könnte ebenso die Verkäuferin an der Brottheke treffen, die mich nicht freundlich bedient hat, oder den Mitarbeiter, der kein Interesse für mein Anliegen zeigt. Wenn ich ehrlich mit mir selber bin, dann verteile ich ziemlich oft solche Etiketten. Fälle spontane Urteile über Menschen, die ich gar nicht näher kenne.

Allerdings bin ich mir sicher, dass ich damit nicht alleine bin. Die meisten von uns machen das so, meistens unbewusst. Sympathisch oder unsympathisch, klug oder dumm, Freund oder Gegner. Fremde Menschen taxieren wir blitzschnell. Für ein bestimmtes Etikett braucht es oft nur wenige Sekunden. Ich finde: Zum Problem wird das erst dann, wenn der Andere mein Etikett nicht mehr loswird. Wenn der vermeintliche Trottel also einfach ein Trottel bleibt. Kurz: Wenn ich ihm gar nicht erst die Chance gebe, mein erstes, flüchtiges Urteil zu revidieren. So habe ich nie vergessen, wie an einem Vormittag vor vielen Jahren ein mir unbekannter Mann in mein Büro stürmte. Unverzüglich erklärte er mir in schneidigem Ton, was er von mir erwarte. Dabei wollte er nur seine beiden Kinder zu einer Freizeit anmelden. Ich habe ihn damals höflich ausreden lassen und ihm gesagt, er solle unbesorgt sein. Doch das Etikett, das ich ihm nach diesem Auftritt verpasst habe, kann man sich vorstellen.

Zum Glück ist unser Kontakt danach jedoch nicht abgerissen. In der Folgezeit sind wir uns öfter begegnet, haben irgendwann auch mal über persönliche Dinge geredet. Erst da habe ich seinen seltsamen Auftritt in meinem Büro und seine Befürchtungen, die er damals hatte, besser verstanden. Er ist mir sogar zu einem treuen Mitarbeiter in der Pfarrei geworden. Ich schätze ihn bis heute, auch wenn wir uns inzwischen nur noch selten sehen.

Die spontanen Etiketten, die verteile ich natürlich immer noch. Mittlerweile aber sehr viel vorsichtiger.


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Dieser Beitrag wurde am 06.04.2017 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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