Wort zum Tage, 05.04.2017

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Die da oben

Die da oben, wir hier unten! Im Moment scheint es gerade ziemlich angesagt, auf „Die da oben“ zu schimpfen. Ganze Parteien ziehen damit in den Wahlkampf, auch bei uns. Und in Amerika scheint eine diffuse Wut auf „Die da oben“ sogar die Wahl im November entschieden zu haben. Dabei ist es egal, ob man diese ominöse Gruppe nun Establishment, Elite oder einfach „Die da oben“ nennt. Es ist das Gefühl, das zählt. Das Gefühl, selber zu „Denen da unten“ zu gehören und deshalb von einer ganzen Gruppe belogen und um Entscheidendes betrogen worden zu sein. Wenn ich mir manche Wahlkampfreden anschaue, dann entsteht da für mich das Bild einer völlig abgehobenen Clique. Leute, die vor allem an sich selber denken und denen alle übrigen Menschen herzlich egal sind.

Doch so griffig das auch klingen mag, ich frage ich mich immer, wer genau „Die da oben“ sein sollen und wo eigentlich die Grenze verläuft. Wer ist also oben und wer unten? Bin ich selber nun schon oben oder eher noch in der Mitte? Und woran merke ich eigentlich, dass ich oben angekommen bin, wenn ich mich irgendwann mal auf den Weg dahin gemacht habe?

Als Studentenseelsorger habe ich das Glück, hin und wieder Kandidaten für die kirchliche Begabtenförderung mit auswählen zu dürfen. Manche von ihnen durfte ich persönlich kennenlernen. Es sind clevere, junge Leute, die sich dort um ein Stipendium bewerben. Tolle Typen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Die exzellente Leistungen in ihrem Studium bringen und sich trotzdem noch für Andere engagieren. Für benachteiligte Kinder oder behinderte Menschen etwa, in Umweltorganisationen oder der Flüchtlingshilfe. Wieder andere trainieren in der Freizeit Fußballteams oder musizieren auf hohem Niveau. Doch fast alle, die so ein Stipendium erhalten, werden am Ende eines gemeinsam haben. Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit einmal Führungspositionen einnehmen, also Teil der Elite sein. Sie werden mal zu „Denen da oben“ gehören. Es sind Menschen, denen viele Gaben geschenkt worden sind. Die aber auch bereit sind, vieles zurückzugeben an andere.

Ich finde, das wäre eigentlich auch ein prima Kriterium für jemanden, der zur Elite gehören will. Elite ist eben nicht schon der, der sich am cleversten das größte Stück vom Kuchen gesichert hat, womöglich noch auf Kosten anderer. Dem es vor allem um Geld und Macht geht, ohne allzu viel Rücksicht auf den Rest der Gesellschaft. Elite ist, wer viel bekommen hat, aber auch bereit ist, viel an andere zu geben.

Dann, finde ich, darf er auch ganz zu Recht zu „Denen da oben“ gehören.


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Dieser Beitrag wurde am 05.04.2017 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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