Wort zum Tage, 03.04.2017

von Pastoralreferent Martin Wolf aus Kaiserslautern

Flaschensammler

Ob italienisch, indisch, asiatisch oder amerikanisch – im Restaurantbereich unseres großen Einkaufszentrums findet sich für fast jeden Geschmack etwas. Man bedient sich selber. Die Getränke gibt es in kleinen Pfandflaschen. Sie werden einfach mit dem Tablett zurückgegeben. Den älteren Mann, der ein paar Tische weiter sitzt, habe ich zuerst gar nicht bemerkt. Auch nicht, dass er gar kein Essen vor sich stehen hat. Er sitzt nur da und blättert in seiner Zeitung. Ab und zu schaut er auf und prüft mit kritischem Blick die zurückgebrachten Tabletts. Dann erhebt er sich und sammelt rasch die Pfandflaschen ein, die die Gäste mit zurückgegeben haben. Dezent lässt er sie in seiner Einkaufstasche verschwinden. Einige Male geht das so.

Seine Kleidung ist gepflegt. Erst bei genauem Hinsehen merke ich, dass sie schon alt ist und leicht verschlissen. Armut drängt sich meistens nicht auf. Doch wenn ich aufmerksam durch meine Stadt gehe, kann ich sie inzwischen überall entdecken. Verborgen meist und wenig offensichtlich. Es ist eine dezente, verstohlene Armut von Menschen, die schon immer in dieser Stadt gelebt und gearbeitet haben und nun kaum noch genug Geld zum Leben haben. Ganz oft sind es die Älteren, die da im Dreck der anderen wühlen. In den Müllbehältern entlang der Fußgängerzone, auf den Bahnsteigen im Bahnhof.  Hin und wieder sogar im Zug: Menschen, die durch die Wagen laufen und verstohlen in die Abfallbehälter blinzeln. In der Hoffnung auf eine leere Bierdose, eine achtlos weggeworfene Flasche. Auf ein paar Cent also, die ihnen dabei helfen, ihren Tag zu meistern.

Seltsam, aber ich schäme mich immer, wenn ich das zufällig mitbekomme. Ich komme mir vor wie ein unfreiwilliger Voyeur, der lieber wegsehen möchte. Weil es erniedrigend ist, zwischen benutzten Taschentüchern und vergammelten Essensresten herumwühlen zu müssen, um etwas Leergut zu ergattern. Doch auch Wegschauen ist keine Alternative. Ich schäme mich nämlich auch, weil es mir finanziell gut geht. Weil ich in einem der wohlhabendsten Länder dieser Erde lebe, in dem trotzdem alte Menschen im Müll der Anderen wühlen, um etwas mehr Geld zum Leben zu haben. Und weil wir es einfach nicht hinbekommen, daran etwas zu verändern. Auch ich nicht. Wenn ich Arme im Müll wühlen sehe, dann kommen mir mitunter die zornigen Propheten des Alten Testaments in den Sinn. Amos etwa, der schon vor über 2500 Jahren tobte, dass die Schwachen unterdrückt und die Armen zermalmt würden, während die Reichen sagen: Schafft Wein herbei, wir wollen trinken. (Amos 4,1). Dass also die einen nicht wissen, was sie mit ihrem Reichtum machen sollen, während andere kaum das Nötigste zum Leben haben.

Wie es scheint, hat sich zumindest daran nichts Entscheidendes geändert.


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Dieser Beitrag wurde am 03.04.2017 gesendet.


Über den Autor Martin Wolf

Martin Wolf wurde 1962 in Schwerte geboren. Er studierte Katholische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seit 1990 ist er beim Bistum Speyer beschäftigt. Von 1993 bis 2004 war er als Pastoralreferent in verschiedenen Pfarreien des Bistums Speyer tätig. 2004 wurde er Leiter der Katholischen Hochschulgemeinde in Kaiserslautern. Als Autor ist er in der Katholischen Rundfunkarbeit bereits seit 2002 engagiert. Von 2010 bis 2017 war er auch Beauftragter des Bistums Speyer beim Südwestrundfunk (SWR) und Saarländischen Rundfunk (SR). Seit Juni 2017 ist Martin Wolf Landessenderbeauftragter der Katholischen Kirche beim SWR in Mainz. Wolf ist verheiratet und hat gemeinsam mit seiner Frau zwei Töchter.

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