Am Sonntagmorgen, 02.04.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

Gottes Dichter: Der kleine Bruder Andreas Knapp

Pater Andreas Knapp

Musik: CD “The Chorus”, Track 4: “Pépinot”

Andreas Knapp
„Im Anfang war der Tod / und der Tod war alles / und alles war tot, doch dann das Wort / Liebeserklärung an das Leben / und die tote Materie ist Fleisch geworden.“

Autor
Mit diesen Worten beginnt ein österliches Gedicht, das ein ungewöhnlicher Mann geschrieben hat: Gottes Dichter, der kleine Bruder Andreas Knapp. Er lebt mit zwei weiteren Mitbrüdern der Gemeinschaft der „Kleinen Brüder vom Evangelium“ in einem Plattenbau in Leipzig. Solidarisch mit den Menschen, die an den Rand gedrängt sind.   

Andreas Knapp
„Mein Name ist Knapp, das ist wie ein Programm: Ich versuche mich knapp zu fassen und suche danach, in wenigen Worten etwas auszusagen, was andere ansprechen kann. Also, ich sitz manchmal wirklich da und sag: Wie reduzier´ ich jetzt diesen Satz? Kann ich das auch mit drei Worten sagen statt mit dreißig? Und es geht. Nicht immer, aber es geht oft. Gerade durch diese Reduktion eröffnet sich etwas, weil jedes Wort dann eine Anspielung ist, wo jemand, der das Wort dann liest oder hört, selber nachdenkt. Es ist eben kein Satz, der gesetzt ist und schon etwas festsetzt, sondern es ist ´n Wortspiel, das einlädt mitzuspielen.“

Autor
Andreas Knapp ist ein Mann, der gern mit Worten spielt. Gedichtbände mit biblischen, geistlichen und himmlischen Texten belegen das. Doch vor dem Spiel mit den Worten steht für den Lyriker die Meditation und die Auseinandersetzung mit den Worten der Schrift.

Andreas Knapp
„Das Evangelium ist ein Schatz, der nie ausgeschöpft werden kann, glaube ich. Da sind so viele Bedeutungen und so viele tiefe Inhalte, dass ich da immer wieder was neu entdecken kann. Und dann veränder´ ich mich ja jeden Tag. Ich bin ja auch wieder anders, ich begegne neuen Situationen, ich stoße auf andere Schwierigkeiten. Und wenn ich dann, in dieser Situation auch wieder das Evangelium als Spiegel lese, dann kann ich ´ne neue Nuance entdecken. Für mich ist das wie so ein Kommunikationsprozess, ein lebendiger Dialog, der nicht aufhört.“

Autor
Wie ein Gespräch unter Freunden, das nicht enden will. Hier ist jedes Wort kostbar. Auch die Welt, Gottes Schöpfung, ist für Andreas Knapp nicht stumm, sie erzählt von Gott. Sie ist sein Buch und der Mensch kann es staunend lesen und immer wieder Neues entdecken. Im Rückblick sagt der Mann, der heute im Gefängnis als Seelsorger arbeitet und Ende 50 ist:

Andreas Knapp
„Manchmal denke ich, ich hab´ schon mehrere Leben gelebt, weil es so reich und so bunt ist und ich so viele faszinierende Situationen schon erfahren durfte. Ja, und ich erlebe: Dort, wo ich aufmerksam bin und wo ich den Dingen und den Menschen, denen ich begegne, mit einer Achtsamkeit entgegenkomme, da öffnen sich auch wieder neue Welten, da ergeben sich neue Anfragen, Aufgaben wachsen einem zu und ich durfte auch erfahren, dass ich dadurch neue eigene Fähigkeiten entwickelt habe.

Autor
Der kleine Bruder vertraut dabei auf Gott. Immer wieder hat er den Mut gehabt, neu anzufangen. Andreas Knapp hat schon als Armer unter Armen in Frankreich und Bolivien gelebt. Die einfache Lebensform, die für ihn den Weg nach innen freilegt, fasziniert ihn seit vielen Jahren. Das war auch der Grund, den Weg zu verlassen, den er in seiner Kirche zunächst eingeschlagen hatte. Nach seinem Theologiestudium in Freiburg und Rom war er ab 1988 als Studentenseelsorger tätig. Ab 1993 leitete er dann in Freiburg das Priesterseminar. Doch im Jahr 2000 hat er alle Sicherheiten, alle Karrierechancen losgelassen und sich einer kleinen Ordensgemeinschaft angeschlossen.

Andreas Knapp
„Unsere Gemeinschaft geht zurück auf Charles de Foucauld. Und der war auf der Suche nach Menschen, die weit weg sind vom Evangelium, hat sich ganz bewusst auf die Suche gemacht nach Leuten, die am Rand sind, und ist dann in die Sahara gezogen und hat mit Beduinenstämmen gelebt. Das ist so die Grundinspiration. Und wir versuchen deswegen auch nicht, ins Zentrum der Städte zu gehen, sondern eher zu Menschen zu gehen, die eher am Rand sind, dorthin wo andere nicht so gern hingehen.“

Autor
Dort, am Stadtrand von Leipzig leben Menschen, die die Sprache der Kirche nicht verstehen, dafür aber jede Geste, die von Herzen kommt. Mitten unter diesen Menschen lebt, wirkt und schreibt der Gottsucher Andreas Knapp. Geistliche Gedichte und Geschichten, außerdem ein spirituelles Tagebuch über 40 Tage in einer Einsiedelei in der Sahara. Jetzt hat er ein Sachbuch geschrieben über die letzten Christen im Nahen Osten. Es ist entstanden durch das Leben mit Flüchtlingen in der Plattenbausiedlung in Leipzig. Immer aber geht es in seinen Texten – ob Prosa oder Lyrik - um die Beziehung zwischen Gott und den Menschen. 

Andreas Knapp
„Die Erfahrung, von Gott angesprochen oder berührt worden zu sein, das hat mich nicht mehr losgelassen. Das definiert mich auch. Ich versuche schon, mich zu verstehen als einen religiösen Menschen, als jemand, der unterwegs bleibt, um Gott zu suchen und mit Gott in Berührung zu kommen, um Gottes Spuren zu entdecken.“

Autor
Von diesen Spuren schreibt er in seinen Texten, die knapper kaum sein könnten. Doch das Wort, mit dem Gottes Dichter Menschen berührt, es fällt ihm nicht einfach so zu.

Andreas Knapp
„Manchmal ist es so, wenn ich in der Straßenbahn sitze, und ich bin viel mit der Straßenbahn unterwegs, und dann zum Fenster rausschaue und noch ein bisschen träume, auf einmal kommt mir vielleicht irgendeine Idee oder ich sehe etwas, was mich anspricht. Oder, wenn ich morgens, bevor ich aus dem Haus gehe, halte ich immer ´ne Meditation mit dem Evangelium, vielleicht klingt da noch etwas mit. Und dann fällt mir ein Bild ein, mitten im Trubel. Und dann hab´ ich so ein kleines Notizblöckchen dabei, da schreibe ich das auf und stecke es wieder weg. Mir fällt etwas ein, es fällt mir zu, ein Zufall. Und dann braucht es aber auch wieder die Zeit, wo das noch reifen kann. Das ist eher wie so ´n Samenkorn, das muss noch entfaltet werden. Manchmal zeigt sich dann, dass dieses Bild vielleicht auch ´n bisschen schräg ist und gar nicht so passend. Dann muss ich es wieder wegstecken, oder ich kann es noch ein bisschen vertiefen und erweitern. Und dazu braucht es dann Stille: Nochmal hinhören.“

Musik: CD “Tabarly”, Track 1: “Tabarly”

Sprecherin
„weinprobe in kana / blutroter tafelwein / instantgereift in wasserkrügen / spätlese für fortgeschrittene feierstunden / ideal für hochzeitsfeste / und glaubenskurse / als messwein kirchenamtlich zugelassen / ein gefährliches gratisangebot / bei hohem alkoholgehalt der gäste / gnadenreines spitzenprodukt / vom wahren weinstock / jahrtausendtropfen / aus der winzergenossenschaft / abba & sohn e.G.“

Andreas Knapp
„Ich hab´ mir das Evangelium einfach noch mal bildlich vor Augen geführt, was es bedeutet, dass Jesus Wasser in Wein verwandelt anlässlich einer Hochzeit, wo der Wein ausgegangen ist und dann so ´n Überangebot da ist. Das Fest war ja dabei zu platzen, aber Jesus möchte, dass das Fest des Lebens gelingt und dass es auch wirklich ein Leben in Fülle ist. Und dann habe ich das Bild ein bisschen humorvoll ausgemalt, indem ich mir ´ne Weinprobe vor Augen geführt habe, oder was auf den Etiketten der Weine steht, und gesagt: Wie würde man diesen Wein von Kana charakterisieren? Und da kamen so ein paar Kombinationen zusammen, die eher zum Schmunzeln anregen sollen. Aber die Botschaft ist: es geht um Leben in Fülle!“

Autor
Es geht dem kleinen Bruder nicht um Effekthascherei in seinen Texten. Er sucht die Auseinandersetzung, den Dialog mit dem Wort – mitten im Leben. Seine Gedichte sind ausgespannt zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod. Viele sind Hoffnungstexte mit wenigen Worten. Sie wirken bisweilen karg und in ihrer Aussage alles andere als glatt.

Andreas Knapp
„Das ist genau mein Anliegen: Nicht so glatte Lösungen zu suchen und dass alles schon so vorgekaut ist, dass man es nur noch mundgerecht selber sich aneignen muss. Sondern, dass die Dinge einem auch quer liegen, auch quer im Mund. Das Wort Gottes, das, was uns vom Evangelium her angeboten wird, ist eben keine glatte Lösung für meine Lebensfragen, sondern es ist die Einladung zu einem lebendigen Prozess, auch zu einem Ringen. Manche Dinge bleiben offen und müssen offenbleiben. Da gibt es keine Antworten. Und dort, wo manche Vorschläge mir zu glatt vorkommen, dort lese ich sie gern mal in der anderen Richtung, um zu provozieren. Provozieren, um etwas hervorzurufen, um ein Echo auszulösen. Um vielleicht noch einmal tiefer nachzudenken. Und vielleicht auch mit ´ner offenen Frage mal zu leben.“

Autor
Das ist manchmal eine Zumutung. Doch Andreas Knapp weiß sich getragen von Gottes Liebeserklärung an das Leben: von seinem Wort, das bis heute nicht verklungen ist. Der kleine Bruder sagt: Im Anfang war das Wort. Gott sei Dank!

Andreas Knapp
„Ich gehe gerne mit dem Wort um, ich nehme mir viel Zeit für die Meditation, für die Stille, um auch auf das Evangelium zu hören, auf einen bestimmten Text. Ich lern manchmal was auswendig, ´par coeur´ sagen die Franzosen, also ´mit dem Herzen´. Und wenn ich dann so etwas längere Zeit bewegt habe und dann wieder ein bestimmtes Wort, ein Bild, eine Wendung mir kommt, dann ist es schon etwas, was gereift ist. Es ist nicht Wortspielerei, sondern ich glaube, dass religiöse Gedichte, die ich versuche zu schreiben, schon aus ´ner Tiefe kommen.“

Autor
So ist es auch mit den ungewöhnlichen Anspielungen, die sich in den Gedichten finden. Gottes Dichter traut der Sprache von heute, wenn er nach Worten sucht, die das beschreiben, was Christen glauben: „Stand-by“, das ist für ihn ein modernes Wort für „Gottes Gegenwart“. „Stand-by“, das ist eine Funktion bei technischen Geräten, auf die viele nicht verzichten möchten.

Andreas Knapp
„Dieses Bild bringt genau das zum Ausdruck, was das Ewige Licht in den katholischen Kirchen bedeuten soll: Es erinnert daran, dass es eine Präsenz gibt, eine Gegenwart Gottes im Brot der Eucharistie. Stand-by bedeutet, dass hier irgendein technisches Gerät auf Abruf dasteht, dass es präsent ist, dass ich es jederzeit bedienen kann. Dass ich es abrufen kann. Und genau das ist ja auch die Erfahrung von Menschen in der Kirche, wenn sie dort zum Beten kommen: Gott ist präsent, er wartet auf mich. Ich muss nicht erst irgendwelche Kabel verbinden, sondern Gott ist schon da. Er ist empfangsbereit. Und wenn ich dann auch von meiner Seite her bereit bin mich zu öffnen oder einfach nur in Stille da zu sein, dann darf ich gewiss sein: Er ist da – Stand-by. Er erwartet mich!“

Autor
Weil er jetzt als Gefängnisseelsorger arbeitet, fehlt ihm manchmal die Zeit, um ein Gedicht zu schreiben. Doch er hat Geduld. Denn er hat ohnehin erst spät angefangen, seine eigenen Worte aufzuschreiben, nachdem er viele Jahre in der Seelsorge zugehört hat. Erst langsam sind aus diesen Erfahrungen die Worte aufgestiegen, mit denen er dann gespielt hat, bevor sie zu Gedichten wurden, die andere beim Lesen herausfordern können.

Andreas Knapp
„Na, ein Gedicht will ja nicht manipulieren, es ist ja kein Propagandatext, sondern ´n Gedicht ist eine Öffnung. Ein Gedicht schafft Raum, lädt ein, um das eigene Leben in das Spiel der Worte hinein zu bringen. Etwas wiederzuentdecken: Ja, das kenn ich auch. Oder: In diesem Wort finde ich mich wieder. Oder: Dieses Wort, das widerstrebt mir jetzt, weil, ja warum eigentlich: Ja, weil ich etwas ganz Anderes empfinde. Es geht um einen lebendigen Dialog in einem Gedicht und deswegen möchte ich nichts erreichen, ich möchte nicht, dass am Schluss eine bestimmte Person in einer bestimmten Richtung denkt oder empfindet. Sondern ich biete dieses Gespräch an. Und das ist auch ´ne Reaktion, die ich oft bekomme, wenn Leute mir schreiben und sich bedanken: Ja, da habe ich mich drin wiedergefunden. Oder: Das hat mich herausgefordert. Oder: Mit diesem Text konnte ich ´ne Zeitlang leben, den habe ich auswendig gelernt, und konnte damit durch ´ne bestimmte Zeit gehen.“

Autor
Bruder Andreas Knapp ist dankbar dafür, dass es ihm immer wieder gelingt, Menschen mit einem Wort in Kontakt zu bringen, ihnen ein Wort anbieten zu können bei ihrer Suche nach Sinn. ‚Mensch, du bist nicht allein‘, diese Gewissheit möchte er weitergeben an Menschen, die suchen. Suchen, wie er selbst Tag für Tag sucht, obwohl alle, die ein Buch von ihm in die Hand nehmen, vermuten: Gottes Dichter sucht nicht mehr. Er hat gefunden:      

Andreas Knapp
„Man bleibt natürlich immer auf der Suche. Manches ist mir geschenkt worden. Ich habe manche Erfahrungen machen dürfen: von guter Gemeinschaft, von wirklichen Freundschaften, auch von Getragen werden in schwierigen Situationen, von Leid, von Begleitung von Menschen, die mit einem schwierigen Todesfall konfrontiert waren. Durch solche Erfahrungen bin ich natürlich durchgegangen - wie jeder Mensch. Und da ist mir das Wort Gottes dann auch zu einer Stütze und Hilfe geworden. Da hat es mich gefunden, weil es mich vielleicht getröstet hat, weil ich darin auch gespürt habe: Ich bin jetzt nicht allein. Aber das Leben bietet jeden Tag neue Fragen und Herausforderungen und da muss man wieder suchen. Man hat es nie wie einen Besitz, sondern es ist immer nur etwas, was einem jetzt in die Hand gegeben ist, aber das kann auch morgen schon wieder verloren sein. Unsere inneren Stimmen und unser Glaube oder unsere Hoffnung ist immer etwas sehr Zerbrechliches. Es kann uns gegeben sein, dass es uns an einem Tag wirklich trägt, aber in einer anderen Situation zerfließt es wieder, muss neu gesucht werden.“

Musik: CD “The Chorus”, Track 15: “L´Evocation”

Andreas Knapp
„ostern / im anfang war der tod / und der tod war alles / und alles war tot / doch dann das wort / liebenserklärung an das leben / und die tote materie / ist fleisch geworden / der tod aber / sitzt tief / und untergräbt / das leben / wenn ER aber / das wort ist / dann hält er wort / behält das letzte wort“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 02.04.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche