Morgenandacht, 01.04.2017

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Sich ohne Not das Herz brechen lassen

Manchmal – wenn wir irgendwo warten müssen – sagt mein Mann beschwichtigend: „Wir haben doch Zeit“. Routinemäßig antworte ich darauf: „Ich habe nie Zeit“ und gucke genervt auf die Schlange nebenan, wo alles viel schneller geht. Denn Zeit – das ist unbestreitbar - gehört zu den wenigen Gütern auf dieser Welt, die sich nicht vermehren lassen.

Zum Glück spiegelt meine Bemerkung „Ich habe nie Zeit“ nicht die ganze Wahrheit wider. Denn ich habe eine treue Gefährtin an meiner Seite, die mich durch ihr bloßes Dasein lehrt, wie man mit der Zeit umgehen sollte. Nämlich liebevoll, genießend, den Augenblick feiernd. Sie lehrt mich auch, dass die Zeit, die man sich in Liebe für etwas oder für jemanden nimmt, auf geheimnisvolle Weise da ist. Sie wächst einem wundersam zu. Dieses Wesen, diese Lehrmeisterin ist meine kluge, schöne Colliehündin Biene mit ihren dunklen Mandelaugen und ihrem sanftem, wenn auch etwas eigenwilligem Gemüt. In der Lebensmitte habe ich mir erlaubt, was mir als Kind kategorisch verboten wurde: einen eigenen Hund halten. Das heißt: Trotz intensiven Berufslebens und Ehe, trotz Familie und Freundeskreis, trotz Studioterminen, Geige üben und Wäsche aufhängen ein Wesen in mein Leben lassen, das die Küche mit feuchten Pfotenabdrücken dekoriert, den Urlaub zur logistischen Herausforderung macht und mich mit seinen schmachtenden Blicken manipuliert.

Als Biene ein Welpe war (noch dazu ein berüchtigter Herbstwelpe!) stand ich Tag für Tag im tiefsten Novembermatsch und machte Übungen, die mein intellektuelles Niveau – gelinde gesagt - leicht unterschritten: Sitz, Platz, Komm, Hopp, Bleib. Und immer wieder: Fein. Zeitverschwendung! Kaum war der Hund erzogen, ließ ich mich – im Begeisterungsrausch über den doch noch erfüllten Wunsch aus meiner Kinderzeit – dazu hinreißen, mich mit Biene zusammen als Therapiehundeteam ausbilden zu lassen. Zeitverschwendung! Denn anders als die anderen Teilnehmerinnern und Teilnehmer bin ich weder Ergo- noch Psycho- noch Physiotherapeutin und führe weder eine Hundeschule noch eine Arztpraxis. Im Klartext: Ich würde wohl nie einen Pfennig Geld mit meiner neu erworbenen Kompetenz verdienen. Unbeirrt trainieren wir, zusammen mit den anderen drei Anwärtern und deren Hunden, hunderte Stunden - im Schnee, im Regen, im Wald, in der Innenstadt, in der Eisenbahn, auf dem Schiff. Einfach überall. Und wir absolvieren diverse Prüfungen: Biene muss Jacke, Strümpfe, Mütze ausziehen, Wäsche anreichen, Rollstühle begleiten, beim Angriff bescheuerter Irrer (verkleidete Prüfer im Torkelgang) entspannt und ruhig bleiben. Bei zwei der fünf Prüfungen fallen mein Zauberhund und ich durch, schaffen sie erst im zweiten Anlauf. Noch mehr Zeiteinsatz. Prüfungsangst. Frust. Braucht ein Mensch so etwas?

Nicht nur, dass mein Hund meine Zeit bindet, er bringt mich – bei unseren nun folgenden ehrenamtlichen Therapieeinsätzen im Kinderhospiz - auch mit sterbenskranken Kindern in Kontakt. Muss man sich das antun? Sich ohne Not das Herz brechen lassen? Kindern begegnen, die nach menschlichem Ermessen keine Heilungschance haben? Kinder, die in der kontrollierten Berührung mit meinem Zauberhund noch einmal lächeln, noch einmal ein paar  Schritte tun oder – obwohl eigentlich bettlägerisch – plötzlich wieder im Rollstuhl fahren können. Einfach deshalb, weil mein Hund ihn zieht und das Krankengefährt sich für eine halbe Stunde in eine Prinzessinnenkutsche verwandelt. Ist auch dies Zeitverschwendung?

Es kommt noch schlimmer: Mein Hund verführt mich dazu, in meiner begrenzten Freizeit im Wald herumzustreifen, mich wie ein Kind hinter Bäumen zu verstecken oder alberne Apportierspiele im Garten zu veranstalten. Ganz zu schweigen von der Zeitverschwendung, wenn ich abends endlos auf der frühlingswarmen Terrassentreppe sitze, mein Tier an mich drücke, seinen warmen Atem spüre und dem Gesang der Schöpfung lausche. 


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Dieser Beitrag wurde am 01.04.2017 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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