Morgenandacht, 31.03.2017

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Das Glück der Barmherzigen

Eine Handvoll Leben – zuckend, verängstigt, ums nackte Dasein ringend - liegt in meiner Hand. Es ist ein Leben, das normalerweise den Blicken der Menschen entzogen ist. Das Rotkehlchenjunge, das in meiner Hand zappelt, ist höchsten 3 Tage alt und völlig nackt. Nur auf dem Köpfchen wächst ein zarter grauer Flaum. Glück im Unglück: Ich saß mit einem Buch auf unserer Terrasse, als aus dem wilden Wein das Rotkehlchen hinterplumpste. Was nun geschieht ist – um ein Lieblingswort Angela Merkels aufzugreifen – alternativlos. Mein Mann und ich wuchten die große Leiter aus dem Keller, ich steige in die weinumrankte Mauer und lege das Häufchen Elend wieder ins Nest. Das ist gar nicht so einfach. Denn es vibriert vor Leben und Bewegung.

Wenige Stunden später die Erleichterung: Die Rotkehlcheneltern füttern weiter. Leider wiederholt sich das Schauspiel in den folgenden Tagen ganze viermal. Ein Junges überlebt den Sturz nicht, obwohl wir mittlerweile eine Matte unter das Nest platziert haben. Immer wieder vollziehen wir die gleiche Prozedur: Leiter, Wandkletterei und Zurücklegen des verlorenen Jungvogels. Dann beruhigt sich die Situation. Die Eltern füttern, die Kinder fressen. Alles gut. Gott schütze euch.   

Das alles liegt nun schon Vergangenheit. Nie werde ich aber den Anblick der zitternden Jungvögel in meiner Hand vergessen. Meinem Wohlwollen komplett ausgeliefert. Ich freue mich über die Gnade, retten zu dürfen – auch angesichts dessen, was Menschen der Natur und den Tieren auf dieser Welt antun. Und trotzdem frage ich mich: Warum geht die Natur so verschwenderisch mit Leben um? Warum ist Leben immer so bedroht, so gefährdet?

Es ist die Aufgabe des Menschen, diese wunderbare und gleichzeitig oft so brutale Schöpfung zu humanisieren. Natürlich kann er das „Fressen und Gefressenwerden“ in der Natur nicht abstellen. Es ist schon viel erreicht, wenn er den Tieren und Pflanzen den Raum zum Leben nicht vollständig nimmt. Darüber hinaus aber kann er Sorge dafür tragen, dass unter Menschen eben nicht das Prinzip „Fressen und Gefressenwerden“ dominiert. Dass die Schwachen und Armen nicht aus dem Netz der Gesellschaft herausfallen, die Kranken mehr sind als ein lästiger Kostenfaktor und die Alten genauso wie die ganz Jungen in Würde und Achtung leben dürfen. Neben vielen Verfehlungen hat dazu gerade die Kirche seit jeher viel geleistet – mit ihrer Sorge für die Kranken, Alten, Gefangenen und Armen und nicht zuletzt mit ihrer Sorge um die Flüchtlinge und Fremden. 

Manchmal allerdings verwundert es mich, dass die Tiere, die doch schon lange vor uns die Welt bevölkert haben, schon lange vor uns von Gott gewollt waren, kirchlicherseits so wenig in diese Sorge miteinbezogen werden. Obwohl sich durch Papst Franziskus ein erstes Umdenken ankündigt. Die Urmenschen pflegten sich – wie alte Höhlenzeichnungen belegen – bei den Tieren rituell zu entschuldigen und ihnen zu danken, bevor sie sie bei der Jagd töteten. Töteten um ihres nackten Überlebens willen. Eine solche Kultur hat das Christentum nie entwickelt. Aber immer gab es einzelne Christinnen und Christen, die die Tiere vielleicht nicht als Brüder und Schwestern, aber doch als nahe Anverwandte gesehen haben. Dazu gehörte der große Arzt, Theologe und Musiker Albert Schweitzer, dessen außergewöhnliche Menschenliebe durch seine Tierliebe nicht geschmälert, sondern vollendet wurde.

Folgendes Gebet, dessen Ursprung allerdings im Dunkeln liegt, ist von ihm überliefert: 

Sprecher:
Oh Gott, höre unser Gebet für unsere Freunde, die Tiere,

besonders für alle die Tiere, die gejagt werden

oder sich verlaufen haben

oder hungrig und verlassen sind – und sich fürchten;

für alle, die eingeschläfert werden müssen.

 

Für sie alle erbitten wir Deine Gnade und Dein Erbarmen.

Und für alle, die mit ihnen umgehen,

erbitten wir ein mitfühlendes Herz,

eine sanfte Hand und ein freundliches Wort.

Mach uns selbst zu wahren Freunden der Tiere

Und lass uns so teilhaben

am Glück der Barmherzigen.

(Albert Schweitzer)


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Dieser Beitrag wurde am 31.03.2017 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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