Morgenandacht, 30.03.2017

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Zu spät

Ich habe einen Menschen verloren und habe es nicht einmal gemerkt. Und ich fürchte, ich bin nicht die einzige, die diese Erfahrung machen musste. Die Erfahrung eines schleichenden und beinahe unbemerkten Verlusts.

Vor einigen Jahren habe ich angefangen, nach diesem Menschen zu suchen. Nicht leidenschaftlich, aber doch immer wieder: Christel. Sie war in meinen letzten drei Schuljahren meine beste Freundin. Als ich mit 16 Jahren in die neue Schule kam, saß sie vom ersten Tag an neben mir und wurde quasi schlagartig meine Freundin. Schon wenige Tage nach meinem ersten Schultag nahm sie mich mit nach Hause. Dort ging ich nun ein und aus. Ich liebte ihre kleine, fleißige, vor Herzlichkeit sprühende Mutter. Ich liebte die schlichte Wohnküche mit dem Küchentisch, auf dem immer – wirklich immer - irgendetwas zu essen stand. Anders als in der stets aufgeräumten Küche bei uns daheim. Ihre Eltern waren sogenannte kleine Leute, waren aus der Eifel in die Stadt gezogen. Kleine Leute mit einem großen Herzen und drei blitzgescheiten Kindern. Ich fühlte mich aufgehoben. Und das in einer Lebensphase, in der ich ein wenig fremd und verloren war in der Welt.

Dann geschah das, was ich heute nicht mehr begreifen kann. Wir verloren uns aus den Augen. Einfach so. Unfassbar. Die ersten Jahre nach dem Abitur hatten wir noch guten Kontakt, fuhren zusammen in Urlaub. Nach dem Studium ging ich ins ferne München, sie arbeitete in den Niederlanden. Ich war 26 Jahre alt, als ich sie zuletzt gesehen habe.

In den letzten Jahren habe ich – wie gesagt - angefangen, nach ihr zu suchen. In der vagen Hoffnung, an die alte Freundschaft wieder anknüpfen zu können. Vergeblich. Keine Spur von Christel. Vor wenigen Wochen unternehme ich noch einen allerletzten Versuch. Ich gebe im Internet den Namen ihrer großen Schwester ein. Die Suchmaschine offeriert mir eine Todesanzeige. Es ist die Todesanzeige ihrer Mutter. Ich kenne alle Angehörigen, die dort aufgeführt sind. Zweifel ausgeschlossen. Eine Angehörige jedoch fehlt in der Liste: Christel. Ich bin geschockt, suche nach harmlosen Erklärungen, aber im tiefsten Inneren weiß ich: Es gibt nur eine einzige Erklärung. Christel ist tot. Ich schreibe ihrer großen Schwester einen wohlgesetzten Brief. Sie antwortet sofort: Meine Befürchtung stimmt. Christel ist tot. Seit Jahren schon. Mit Mitte Vierzig ist sie an einer seltenen, unheilbaren Krankheit gestorben, in Oregon, USA, wo sie mit Mann und Familie gelebt hat. Ihre Asche wurde auf ihrem Lieblingsberg verstreut. Und ich habe dies alles nicht gewusst. Und bin auch nicht in einem Alter, wo man mit dem Tod einer gleichaltrigen Freundin unbedingt rechnet.

Ich sitze über dem Brief und weine. Ich mache mir Vorwürfe. Wir beide – Christel und ich – waren einfach so sehr mit unserem neuen Leben, unserem Erwachsenenleben, beschäftigt, dass wir uns verloren haben. Und zwar für immer. Sind meine Tränen heuchlerisch? frage ich mich. Schließlich bin ich die letzten Jahrzehnte offensichtlich ganz gut ohne sie ausgekommen. Und sie ohne mich. Dann entscheide ich, dass meine Tränen ok sind. Sie hat es einfach verdient, dass ich um sie weine und trauere. Wenigstens das. Und ich trauere auch um mich selbst. Ich hätte sie in den USA besuchen können, ihren Mann, die Kinder kennenlernen können, hätte ihr beistehen können und einfach ein Teil ihres Lebens sein können. Jetzt ist es zu spät. Habe ich die Gnadenlosigkeit der Zeit unterschätzt? Die Unwiederholbarkeit jedes einzelnen Augenblicks? Ja, das habe ich.

Und doch bin ich auch ein bisschen froh: Ich bin froh, dass ich um das Schicksal meiner besten Freundin weiß. Und ich bin dankbar, dass ihre große Schwester mich auf meinen Brief hin sofort eingeladen hat. In den nächsten Tagen werde ich sie besuchen. Wir werden Kaffee trinken und Fotos von Christel anschauen. Und es wird wehtun und vielleicht doch auch ein bisschen schön sein.


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Dieser Beitrag wurde am 30.03.2017 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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