Morgenandacht, 29.03.2017

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Beten heißt: Beten ausprobieren

Beten heißt: Beten ausprobieren. Das klingt sehr einfach, ist es aber nicht. Vor allem deshalb nicht, weil  das Thema Beten in unserer Gesellschaft ein Tabu ist. Das gilt weniger für das Beten selbst. Das ist schon ok. Aber das Gespräch, der normale Austausch über dieses Thema ist tabuisiert – von ganz frommen Kreisen einmal abgesehen. In gewisser Weise finde ich das auch ganz gut. Nämlich dann, wenn dahinter eine gesunde Scheu steht, Heiliges an die Öffentlichkeit zu zerren. Und was könnte heiliger sein, als das Gespräch zwischen Gott und Mensch? Trotzdem finde ich es auch ein bisschen schade. Denn durch das hartnäckige Schweigen, das häufig sogar unter engagierten Christinnen und Christen geübt wird, bleibt jeder allein mit seinen mehr oder weniger gelungenen Versuchen, zu Gott in Kontakt zu treten. Und mancher gibt irgendwann auf.

Beten heißt: Beten ausprobieren. Diese Weisheit stammt nicht von mir. Sie ist etwa 500 Jahre alt und geht zurück auf Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens. Der Jesuit, Buchautor und langjährige Exerzitienbegleiter Willi Lambert SJ schreibt dazu:

Sprecher:
„Kostbar sind mir auch Worte von Ignatius, man solle jene Weise des Betens wählen, ‚bei der sich einem Gott am meisten mitteilt’, und da man das nicht im Vornhinein so genau wisse, solle man verschiedene Weisen des Betens ausprobieren.“ (Vitus Seibel: Wie betest du? Echter Verlag, S. 96, 5 Zeilen)

Für mich bedeutet das erst einmal: Alles ist erlaubt. Ich kann im Sitzen, Stehen, Knien,  Gehen und sogar im Liegen beten. Ich kann zu vorformulierten Gebeten greifen und mich damit in eine Jahrhunderte alte Gebetstradition einreihen: Vaterunser, Psalmen, Texte aus dem Gotteslob. Ich kann eine Kirche oder eine Kapelle aufsuchen, sozusagen der Klassiker. Ich kann mich aber auch schweigend auf einen Küchenstuhl setzen und eine Kerze entzünden oder eine Zeitlang den Namen Jesus Christus aussprechen. Und selbst beim Autofahren ist Beten eine Option. Wichtig ist nur eins: der lebendige Kontakt zu Gott. Und wenn der partout nicht gelingen will, dann tut es auch die Sehnsucht danach.

In einem wunderbaren kleinen Buch, herausgegeben von Vitus Seibel SJ, mit dem Titel „Wie betest du? 80 Jesuiten geben eine persönliche Antwort“ spiegelt sich in faszinierender Weise wider, wie vielfältig Beten sein kann. Offen und schonungslos beschreiben die Ordensmänner die Not und die Freude des Gebets. Gerade das scheinbare Nicht-Gelingen, das Scheitern, kommt hier ehrlich zur Sprache. So schreibt Josef Anton Aigner, ein Jesuit aus Wien:

Sprecher:
„Das schweigende Gebet  am Morgen ist oft ein zähes Ringen mit dem Schlaf, der mich immer wieder überfällt. Häufig ist es auch ein Ringen mit Gott, der sich mir entzieht.“ (Vitus Seibel: Wie betest du? S. 13, 4 Zeilen)

Und er erzählt, wie er schon als junger Ordensmann seinem Begleiter darüber geklagt hat:

Sprecher:
„Seine Antwort war trocken. ‚Dann beten Sie eben zu diesem Gott, der sich Ihnen immer wieder entzieht.’ - Es war die hilfreichste Anleitung für mein Beten, die ich in meinem Leben bekommen habe.“ (Vitus Seibel: Wie betest du? S. 13, 3 Zeilen) 

Es gibt übrigens noch eine andere schlichte Wahrheit über das Beten. Wenn Gott sich nicht zeigt, kann es helfen, ihn einfach mal einzuladen. Denn Gott kommt nicht ungefragt, drängt sich nicht auf. Martin Schleske, der Geigenbauer und spirituelle Buchautor, ist davon überzeugt, dass Gott dem Menschen ständig die Frage stellt: „Wie nah darf ich dir kommen?“ Nicht Gott, sondern der Mensch baut Barrieren auf und fährt alle möglichen Schutzmechanismen hoch, um ja nicht zu eng mit dem Grund seines Daseins in Berührung zu kommen. So gesehen hat Beten nur wenig mit „Machen“ zu tun, dafür aber sehr viel mit „Loslassen“ und „Zulassen“.

Genau dies zeigt sich in einem Vorbereitungsgebet des Jesuiten Peter Köster, das hier gekürzt wiedergegeben wird:

Sprecher:
Herr, Du allein weißt, wie

mein Leben gelingen kann …

Hilf mir loszulassen,

was mich daran hindert,

Dir zu begegnen und mich von

Deinem Wort ergreifen zu lassen.

Hilf mir zuzulassen,

was in mir Mensch werden

will nach dem Bild und

Gleichnis, das Du Dir von mir

gemacht hast.


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Dieser Beitrag wurde am 29.03.2017 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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