Morgenandacht, 28.03.2017

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Das Geschenk der Stille

Ich rede gern. Schon als Kind war ich in dieser Hinsicht schwer zu stoppen. Umso mehr staunte mein Freundes- und Bekanntenkreis, dass ausgerechnet ich ignatianische Einzelexerzitien machen wollte. Diese „geistlichen Übungen“ dauern üblicherweise neun Tage und finden in absolutem Schweigen statt. Und zwar nach einer uralten, sehr strukturierten Methode des Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens. Zuversichtlich stimmte mich die Aussicht, dass ich nicht allein in der Stille sein würde, sondern ich würde zu einer Gruppe von etwa zwanzig Männern und Frauen jeglichen Alters gehören, einschließlich der drei Exerzitienbegleiter.

Und ich erlebte eine Überraschung. Es fiel mir überhaupt nicht schwer, sozusagen auf Startschuss hin konsequent zu schweigen. Zugegeben: Es war zunächst etwas seltsam, bei den Mahlzeiten nicht reden zu dürfen. In den ersten zwei Tagen schaltete ich auch verbotenerweise ab und zu noch mein Handy ein – bis ich selbst spürte, wie sehr mich dies aus meinem Experiment herausriss und es bleiben ließ. Ich kann es nicht anders sagen: Es war einfach schön, einmal nicht reden zu müssen. Und ich staunte, wie die Gruppe immer mehr zusammenwuchs und sich entwickelte. Auch ohne Worte und Gedöns. Da gab es Menschen, die mir richtiggehend an Herz wuchsen und um die ich mir Sorgen machte, wenn sie einmal fehlten. Bei einigen spürte ich eine vorsichtige Distanz. Und wieder andere – die allermeisten - waren einfach nur nett.

Man kann jetzt einwenden, dass man wohl kaum einen solchen Ort aufsucht, um die Realität nonverbaler Kommunikation zu testen. Tatsächlich geht es um mehr. Um viel mehr: Es geht darum, Gott zu begegnen – soweit dies unter irdischen Bedingungen möglich ist. Das Schweigen ist also kein Selbstzweck, sondern es beruht auf einer uralten Menschheitserfahrung, die quer durch alle Religionen verläuft. Und diese Erfahrung lehrt, dass Menschen im Schweigen durchlässig und offen werden für Gott. Wenn sie es denn zulassen. In jedem Falle aber macht das Schweigen verletzlich, sensibel, irgendwie dünnhäutig. Deshalb der geschützte Rahmen.

Fakt ist: Ich renne – wie so manche anderen Menschen auch – in meinem Leben vor vielen unangenehmen Wahrheiten davon. In der Stille ist dies kaum mehr möglich. Die Wahrheit des eigenen Daseins steigt gnadenlos ins Bewusstsein. Und das ist nicht immer angenehm. Da gibt es Gelungenes und Verkorkstes, da gibt es Schuld und Verletzungen, da gibt es große Freude und abgrundtiefe Verzweiflung. Und es gibt viele kleine Stoßseufzer aufgrund verpasster Lebenschancen.

Das Geniale der Exerzitien liegt aber darin, dass ich mich nicht selbst zerfleischen muss angesichts dieses Sammelsuriums von Unzulänglichkeiten. Nein. Wenn es gut läuft, lerne ich, mich genauso, wie ich nun mal bin, mit Gott zu konfrontieren. Mit all meinem Gelungenen und Misslungenen, mit allem Schönen und allem Lebensmüll wende ich mich Gott zu. Meistens begleitet durch biblische Texte. Und da das tiefe Schweigen Menschen sensibel und irgendwie schutzlos macht, stehen die Chancen gut, dass ich Gott in irgendeiner Weise wahrnehme, wenn – ja, wenn er sich mir denn zeigen will.

Das kostet richtig Mut. Nicht Mut des Machens, sondern Mut des Vertrauens und Loslassens all dessen, was sich so über die Jahre hinweg zwischen mir und Gott aufgestaut hat. Ohne Begleitung hätte ich jedenfalls nie gewagt, so rückhaltlos ehrlich Gott gegenüber zu sein.

Ob mir Gott geantwortet hat? Das bleibt mein Geheimnis. Aber das Entscheidende ist doch, dass jeder Mensch – selbst wenn er nicht besonders gläubig ist – die Chance hat, auch im ganz normalen Alltag kleine Oasen der Stille zu schaffen oder auch Orte der Stille aufzusuchen und zu schauen, was geschieht.


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Dieser Beitrag wurde am 28.03.2017 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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