Morgenandacht, 27.03.2017

von Silvia Katharina Becker aus Bonn

Auf dem Grund der Wirklichkeit

Kirchliche Sendungen verraten sich – ganz unabhängig von ihrem Inhalt – fast immer durch ihre Sprache. Da hilft wohl alles nichts. Die kirchliche Sozialisation hat hier ganze Arbeit geleistet. Sobald von Gott die Rede ist – und sei es nur ganz indirekt – klingt es irgendwie fromm und erhaben, ob man will oder nicht.

Umso mehr fasziniert mich ein Buch, das von Gott erzählt und dabei eine absolut unfromme Sprache verwendet. Trotz des frommen Untertitels „Eine Bekehrung“. Es ist das Buch einer jungen Frau – Esther Maria Magnis – und trägt den provokanten Obertitel: „Gott braucht dich nicht“. 

Esther Maria Magnis erzählt in diesem Werk, wie sie Gott als Kind in einer mystischen  Naturerfahrung am Meer findet, ihn später wieder verliert und nach einer Phase des Nihilismus zu Gott zurückfindet – trotz all dem Schrecklichen, das ihr bereits in jungen Jahren widerfahren ist. Sie schreibt dies in einer Sprache, die mal zart und beinahe lyrisch ist, dann wieder frech und ein bisschen rotzig. Über ihre Kindheit schreibt sie:

Sprecher:
„Ich mochte Gott. Ich der Kirche war es mir oft langweilig, aber ich fand ihn grundsätzlich sehr interessant. Er schien etwas Wahnsinniges zu haben und etwas sehr Zartes.

Er hatte offenbar den wilden Johannes in der Wüste gerne, der wie ein Sittenstrolch halbnackt mit einem Kamelfell rumrannte und rumbrüllte und Heuschrecken kaute. Und er schien den ekelhaft verrückt Besessenen zu mögen, der vollkommen wahnsinnig war. Und er redete wild mit dem Teufel. Und er befahl wild dem wilden Meer. Und er blutete am Kreuz aus dem Kopf, aus dem Rücken und war übersät mit Dreck und Schlägen – das alles war sehr wild.“ 1)

Aber dabei bleibt es nicht. Sie lernt im Sonntagsgottesdienst auch die andere Seite Gottes kennen, den Spießergott:

Sprecher:
„Manchmal hatte ich dann wieder das Gefühl, dass Gott eine Brille trug, einen Dutt und zusätzlich einen langen Bart und leer vor sich hin glotzte. Ich hörte von einem Pastor, dass Gott es nicht mochte, wenn Kinder sonntags anstatt in die Messe zu gehen, lieber auf den Fußballplatz gingen. Diese Information verstörte mich total. Denn die Fußballspiele an den Sonntagen wurden nicht von den Achtjährigen organisiert … Ich fand ihn dann einfach nur spießig und blöd.“ 2)

Alles ändert sich, als Esther ins Teenageralter kommt und ihr Vater unheilbar erkrankt. Das Spielerische, die Leichtigkeit des Glaubens ist mit einem Schlag weg. Mit ihren beiden Geschwistern fängt sie an, heimlich auf dem Dachboden um die Heilung des Vaters zu beten. Exzessiv, ausdauernd, verzweifelt. Und Gott ist da, schreibt sie. Die Wirklichkeit Gottes ist im Raum. Für jedes Kind spürbar. Unabweisbar. Aber der Vater stirbt. Es ist wie eine Ohrfeige.

Sprecher:
„Keins von uns Kindern sprach über Gott nach Papas Tod. In unserem stummen Umgang miteinander, in den stillen Blicken beim Abwaschen … lagen nicht nur der Schreck und die Erschöpfung der Krankenzeit, sondern auch die unaussprechliche Täuschung unserer gemeinsamen Gebete.“ 3)

Esther verliert den Halt, den Glauben, die ganze Welt. Sie schwänzt die Schule, igelt sich ein. Totaler Nihilismus. Aber sie findet nach vielen Jahren zurück zu Gott. Sie hat einfach keinen besseren Plan für ihr Leben, als – wie sie es ausdrückt – „ihm zu folgen und hinterherzustolpern und mir im Zweifel meine Wirklichkeit aufs Neue zerhauen zu lassen.“

Und genau dies geschieht. Sie ist Studentin, als ihr Bruder – gerade mal 24 Jahre alt – unheilbar erkrankt. Esther ist entsetzt, verzweifelt. Dennoch ist etwas anders als damals: 

Sprecher:
„Was dann geschah, war, dass mein Glaube wuchs. Damit habe ich nichts zu tun. Der gehörte nicht mehr mir. Der kam einfach zurück und wuchs und wuchs und schlug aus und ich raffte überhaupt nichts mehr. Seitdem kann ich nicht mehr sagen, warum ich an Gott glaube. Es ist kein Akt von mir.“ 4)

Ihr Bruder Johannes stirbt und ihr Glaube hält diesmal stand. Vielleicht liegt es daran, so sinniert sie, dass sie so tief auf dem Grund der Wirklichkeit angekommen ist, so sehr auf dem härtesten, brutalsten Boden der Realität die Gegenwart Gottes gespürt hat, dass ihr sterbender Bruder und sie gleichermaßen keinen Schrecken mehr kennen. „Jeder von uns“, so schreibt sie über eine der letzten Begegnungen, „hatte etwas Überraschtes im Gesicht. Ein Staunen.“

Zitate aus: Esther Maria Magnis, Gott braucht dich nicht. Eine Bekehrung, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012,

1) S. 18-19,  13 Zeilen, 2) S. 19, 9 Zeilen, 3) S. 88, 5 Zeilen, 4) S. 232,233, 6 Zeilen


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Dieser Beitrag wurde am 27.03.2017 gesendet.


Über die Autorin Silvia Katharina Becker

Dr. Silvia Katharina Becker studierte in Aachen Philosophie und katholische Theologie und arbeitete – nachdem sie einige Jahre in der Frauenbildung tätig war - viele Jahre als verantwortliche Redakteurin für „Die Mitarbeiterin“, eine Zeitschrift für Frauenbildung und Frauenseelsorge. Bis 2019 war sie katholische Senderbeauftragte für den Deutschlandfunk. Daneben war und ist sie auch als freie Autorin tätig. Sie entstammt einer alten und weit verzweigten Musikerfamilie, spielt selbst – ebenso wie ihr Mann - amateurmäßig Geige.

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