Morgenandacht, 18.02.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

Gott sehen

„Bevor du in die Höhle gehst, um Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, nimm deine Augen raus.“ Das hat ein heiliger Mann in Indien Menschen geraten, die Gott in einer Höhle gegenübertreten wollten. Die Geschichte erinnert den Jesuiten Paul Coutinho an ein Wort Jesu: Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken im eigenen Auge, den siehst du nicht. In seinem Buch „Heilige Finsternis“ schreibt der Ordensmann, der aus Indien stammt und in Amerika lehrt:

Sprecher
„Bevor wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, sollten wir den Balken aus unserem Auge nehmen, weil er uns blind macht. Es ist der Balken der Ignoranz. Oder der Balken der Lehrsätze der Theologie und der Philosophie, durch die wir wie durch einen Filter alles anschauen. Wir müssen unsere Augen rausnehmen, unsere Art des Sehens radikal verändern, damit wir Gott und das Leben klar sehen.“

Wohl jeder Mensch hat seine eigene Sichtweise. Augen, die nur das zeigen, was ich sehen will. Das ist antrainiert. Meist über viele Jahre. Und wenn ich mich nur ungern korrigieren lasse, dann bin ich davon überzeugt: meine Sichtweise ist die einzig richtige. Die Welt ist tatsächlich so, wie ich sie sehe. Wenn ich aufgrund dieser Sichtweise dann Entscheidungen treffe, kann das fatale Folgen haben. Unsanft werde ich dann mit der Tatsache konfrontiert, dass die Welt vielleicht doch nicht so ist, wie ich sie gern hätte.

„Bevor du in die Höhle gehst, um Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, nimm deine Augen raus.“ Das hat der heilige Mann in Indien gesagt. Das heißt jedoch nicht: Wer Gott gegenübertreten will, soll oder muss blind sein. Nein, im Gegenteil. Er muss unvoreingenommen vor Gott treten, denn sonst könnte er in die Höhle gehen und enttäuscht wieder herauskommen, weil er nichts gesehen hat. Das aber nur, weil er falsch hingeschaut hat. Mit Augen, die sehen und doch nicht sehen. Oder eben mit dem berühmten Balken im Auge, der jede Sicht unmöglich macht. Hinzu kommt: Ich habe da noch meine Bilder im Kopf. Auch Bilder von Gott. Angefangen von den vielen Bildern, die die Schrift bietet, die mir mehr oder weniger vertraut sind. Und so suche ich den allmächtigen Vater, den Herrn des Himmels und der Erde, den gerechten Richter. Oder seinen Sohn, der Mensch geworden ist, damit Gottes Reich auf Erden anbricht.

Paul Coutinho erzählt in seinem Buch von Exerzitien, geistlichen Übungen, die er anderen Jesuiten gegeben hat, direkt am Meer. Eine Aufgabe in den Tagen war, sich auseinander zu setzen mit dem eigenen Gottesbild: Wie groß konnten sie sich ihren Gott vorstellen? Viele der Jesuiten haben dabei auf ein Wort aus der Schrift zurückgegriffen. Etwa den zornigen Gott, der Menschen bestraft. Doch einer der jungen Jesuiten war mit der Aufgabe überfordert. Er wusste sich keinen Rat, obwohl er schon so oft Exerzitien gemacht hatte. Jetzt, im Rückblick, wirkten alle vergeblich, umsonst. Coutinho schreibt:

Sprecher
„Und dann erlebte er das, was auch Ignatius von Loyola erlebt hatte: Exerzitien werden nicht getan oder gemacht, sie werden geschenkt.“

Es lässt sich also nichts erzwingen. Das musste auch der junge Jesuit lernen. Er war verzweifelt und fühlte sich weit weg von Gott, in großer Dunkelheit. Abends ist er dann ans Meer gegangen. Und dort ist er zusammengebrochen und hat geweint. Am Meer hat er die Größe Gottes gespürt. Coutinho beschreibt es so:

Sprecher
„Als er sich der Dunkelheit hingab, die das Angesicht der Erde bedeckte, da war ein Funke in seiner Seele, der ihm die Augen geöffnet hat, den unendlichen Gott zu schauen - wie er ist.“

„Bevor du in die Höhle gehst, um Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen, nimm deine Augen raus.“  Das hat der heilige Mann in Indien gesagt. Dem jungen Jesuiten hätte er sagen müssen: „Bevor du in die Exerzitien gehst, um Gott zu begegnen, lass deine Sichtweisen zurück. Sie hindern dich nur beim Sehen!“ Ob sich der junge Ordensmann darauf eingelassen hätte? Ich bezweifle es, denn schließlich war er erfahren. Er kannte sich aus. Und doch musste er in den Tagen am Meer erst lernen: Du kannst die Begegnung mit Gott nicht erzwingen. Du bist sogar hilflos, wenn du umschreiben sollst, wem du eigentlich begegnen willst. Echte Begegnung ist erst möglich, wenn du es geschehen lässt und nichts, aber auch gar nichts machen willst.

Liebende können das bestätigen.


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Dieser Beitrag wurde am 18.02.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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