Morgenandacht, 17.02.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

Mach weiter

Da will ein Mann nichts weiter sein als das beste Werkzeug in Gottes Hand. Und um das zu werden, will er Exerzitien machen, geistliche Übungen. Nicht nur ein paar Tage, nein, es sollen die großen Exerzitien sein: 30 Tage. Das schreibt der Jesuit Paul Coutinho in seinem Buch „Heilige Finsternis“. Er selbst ist der Mann mit dem ehrgeizigen Ziel. Um es zu erreichen, hat er sich gut vorbereitet auf diese Tage mit Gott. Dann geht es endlich los:

Sprecher
„Am ersten Tag hat mich mein Exerzitienlehrer nach meinem Gebet gefragt. Ich habe ihm geantwortet: Da gibt es nichts Besonderes zu erzählen. Und es geht mir gut. Das war am ersten Tag.“

Einige Zeilen später schreibt er:

Sprecher
„Ich war mir sicher: Gott wird meine Vorbereitung und meine Offenheit ihm gegenüber belohnen. Ich habe mich auf Gottes Handeln vorbereitet und war bereit für alles, was Gott mit mir vorhaben könnte. Ja, ich wollte etwas von Gott. Nicht für mich, nein, ich wollte es, um gut für Sein Reich arbeiten zu können.“

Eigentlich beste Voraussetzungen. Wann trifft Gott auf so einen Menschen, der sich ihm ganz hingibt? Der völlig offen ist und sein „Ja“ sagt, obwohl er gar nicht weiß, was ihn erwartet. Paul Coutinho bringt seinen Körper zur Ruhe, ebenso seine Gedanken und sein Herz. Er nutzt alle Übungen, die er kennt und ist ganz für das Gebet da. Er lässt alle Gedanken vorüberziehen und behält nur jene, die seine Freundschaft mit Gott zum Ausdruck bringen. Schon beim Aufwachen ist sein Herz wachsam, um nichts zu verpassen, sollte Gott sich zeigen. Coutinho bekennt schließlich: „Im Gebet fühle ich mich wie ein Ochsenfrosch, der total stillsitzt und auf ein Insekt wartet, das vorbeifliegt.“

Beim Lesen habe ich geschmunzelt. Aber ich habe mich auch gefragt: Auf was für eine Probe wird der Jesuit da von Gott gestellt? Warum bekommt er nicht endlich das ersehnte Zeichen? Was kann er denn noch tun, um Gott zu erfahren?

Paul Coutinho schreibt:

Sprecher
„Dann passierte nichts. Gar nichts. Jeden Tag fühlte sich mein Gebet vertrockener an als am Tag davor. Und mein Exerzitienleiter stellte mir Tag für Tag die gleichen Fragen und sagte dann: Mach weiter!“

 Am sechsten Morgen muss dem jungen Jesuiten der Kragen geplatzt sein. Er betet für seinen Exerzitienbegleiter:

Sprecher
„Bitte Herr, schenke ihm endlich Vernunft, damit er seine verrückten Gedanken erkennt. Denn er sagt zu mir immer nur: Mach weiter! Mach weiter!“

Dann, in der Nacht, geht Coutinho zum Beten in die Kapelle. Er fühlt sich einsam und entmutigt. Seine Art zu beten, funktioniert nicht mehr. Dabei hat er sie über viele Jahre entwickelt und eingeübt. Die einzigen Worte, die ihm noch über die Lippen kommen, sind: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Und sein ständiges Gebet, „Meine Seele dürstet nach dir; wann endlich werde ich dich sehen von Angesicht zu Angesicht?“ Mach weiter, das hatte ihm sein Exerzitienlehrer gesagt. Mach weiter, das heißt doch irgendwie: Liege Gott in den Ohren, aber schreib ihm nicht vor, wann und wie er zu handeln hat. Mach einfach weiter und überlass alles andere Gott.

In der Nacht geschieht es dann. Paul Coutinho schreibt:

Sprecher
„Als das Nachtlicht die Kapelle füllte, da hatte ich eine Vision. Ich sah mich selbst auf einer Insel. Das Wasser des Ozeans stieg an und trennte die Insel vom Festland. Und plötzlich erschien Gott auf der Insel und ich sah ihn von Angesicht zu Angesicht. Ich war so außer mir und zugleich so erschöpft, dass ich mich im Schoß Gottes ausruhen wollte. Aber dann passierte etwas Überraschendes. Gott - gezeichnet von der Erschöpfung, mir seine Hand ausgestreckt zu haben – legte seinen Kopf in meinem Schoß. In dem Augenblick bin ich zusammengebrochen und habe einfach nur noch geweint.“

Wer mag sich so eine Gottesbegegnung vorstellen? Die Seele leer und dann kommt Gott. Die Begegnung hat Paul Coutinho radikal verändert, weil er sie so nicht erwartet hatte. Ihm ist egal, ob die Menschen seine Erfahrung eine Halluzination nennen oder eine Vision. Er weiß, was er gesehen hat, was er gespürt hat. Und er weiß, das Erlebnis war so real, wie er es nie wieder erfahren hat. „Gott war der Suchende und mich hat er gefunden.“

Gefunden werden von einem Gott, dem die Erschöpfung anzusehen war, mit einem Menschen Kontakt aufzunehmen. Das stellt alles auf den Kopf.


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Dieser Beitrag wurde am 17.02.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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