Morgenandacht, 16.02.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

In Gott eintauchen

Höhlen üben auf Menschen eine besondere Faszination aus. Früher dienten Höhlen als Lagerplatz, als Schutz- und Kühlraum. Aufgesucht wurden Höhlen auch aus kultischen und religiösen Gründen. Im Dunkel der Höhle wurden Götter verehrt. Bis heute gibt es Menschen, die aus religiösen Gründen eine Höhle aufsuchen.

Davon erzählt Paul Coutinho in seinem Buch „Sacred Darkness“, „Heilige Dunkelheit“. Coutinho stammt aus Indien. Darum verwundert es nicht, wenn der Jesuit nicht von Christen schreibt, sondern von Buddhisten.

Sprecher
„Da war eine Gruppe von Buddhisten, die wollten sich zurückziehen. Sie haben das ‚Meditation in der Finsternis‘ genannt. Dazu sind sie in eine dunkle Höhle gegangen und haben dort viel Zeit verbracht. Die Länge ihres Aufenthaltes hing von ihrem Alter ab, von ihren Fähigkeiten und von ihrer Bildung. Manche sind Jahre geblieben.“

Das steht da tatsächlich in dem Buch. Manche sind Jahre geblieben, sie sind ausgestiegen aus der unruhigen Welt, um einzutauchen in Gott. Coutinho schreibt weiter:

Sprecher
„Die Vorbereitung für diese Zeit war rigoros. Der spirituelle Lehrer wollte sicher sein, dass alle, die das Experiment wagen, zufrieden sind und in der Lage, in sich zu ruhen für eine lange Zeit der Stille. Während die Meditierenden in der Dunkelheit leben, sind sie ganz allein und werden immer aufmerksamer für sich selbst. Im Dunkel der Höhle gibt es keine Ablenkung durch das Licht von außen. Und so fangen sie an, immer mehr auf das Licht zu schauen, das aus ihren selbst aufsteigt, aus ihrem Herzen und aus ihrer Seele.“

Ruhe und Dunkelheit führt die Menschen zu sich selbst. Sie lassen alles ziehen und entdecken: Da ist Licht im Dunkel. Licht im Dunkel und in der Stille. Wenn alle Gedanken weitergezogen sind, die um Alltägliches kreisen, dann geht Menschen ein Licht auf und sie erkennen die Einheit zwischen allem, was ist. Das Eine, das in allem aufscheint, wenn ich mir Zeit nehme, es anzuschauen wie es ist, ohne es gleich in Dienst zu nehmen.   

Doch ich muss nicht für lange Zeit in einer Höhle verschwinden, um das Dunkel zu erfahren, seine Leben spendende Kraft zu spüren. Viele würden das auch gar nicht aushalten. Der Jesuit Paul Coutinho schlägt darum sozusagen eine kleine Dosis Finsternis vor, die ich selbst verkleinern oder vergrößern kann. Er rät dazu, sich für eine bestimmte Zeit eine stille Ecke zu suchen. Sich dort hinzusetzen, dann unbedingt die Augen zu schließen. Und geduldig auf die Bilder zu warten, die kommen. Niemand muss dabei Angst haben, denn das Dunkel ist weder gut noch schlecht. Es ist. Und er selbst hat immer wieder erfahren:

Sprecher
„Wenn dich Finsternis umgibt, dann erlebst du: Du entspannst dich. Die Finsternis nimmt alles, was dich belastet – und mit ein bisschen Glück - fließt dann aus ihr die Kraft und die Lebensenergie ohne Hindernisse. Und du stellst fest: Die Dunkelheit hat alle Angst mitgerissen. Was bleibt, ist Liebe.“

Liebe? Ja, Liebe zum Leben, zu allem, was ist. Und so verstanden ist die Finsternis tatsächlich die Quelle neuen Lebens. Das klingt fremd.

Sprecher
 „Wer sich jedoch der Finsternis aussetzt und alle Bilder kommen lässt, positive und negative Bilder ohne zu urteilen oder zu reflektieren und zu bewerten, verändert sich schon. Die Bilder mögen ihren Ursprung im Bewusstsein oder im Unterbewusstsein haben: sie sind verbunden mit dem ewigen göttlichen Leben.“

Es umfasst alles. Es ist Liebe. Seit Jahrhunderten versuchen Menschen verschiedener Religionen, sich dieser Liebe zu nähern, indem sie die Finsternis suchen in Stille und Einsamkeit. Das ist keine leichte Übung, zumal alles, was dann in einem Menschen aufsteigt, gleich vom inneren Kritiker bewertet wird. Doch diesem Kritiker gilt es Einhalt zu gebieten. Er ist nicht gefragt. Es geht nur ums Anschauen, mehr nicht. Darum, leer zu werden von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Wer so leer wird, kann Gottes Nähe spüren wie eine Umarmung.

Es gibt aber auch Menschen, die tauchen so in Gott ein, dass sie beim Fremden und Armen wieder auftauchen. Die spüren: In den Augen dieses Menschen schaut mich Gott an. Nicht Gott, der allmächtige Herrscher, sondern Gott, der Mensch geworden ist und ein Beispiel gegeben hat. Der sich zunächst zurückgezogen hat in die Einsamkeit, um dann zu handeln.


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Dieser Beitrag wurde am 16.02.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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