Morgenandacht, 15.02.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

Vom Dunkel ins Licht

Es ist ein kleines Wunder, wenn jetzt, kurz vor dem Frühjahr, die zarten Blumentriebe aus dem Boden sprießen. Aus dem Dunkel der Erde zunächst nur eine winzige Spitze, dann ein Stiel; Blätter und schließlich eine Knospe, die irgendwann ihre ganze Pracht entfaltet. Vorausgesetzt, es gibt genug Licht, Wärme und Wasser. Doch am Anfang steht das Dunkel, es schützt die Blumenzwiebel. Das Leben beginnt im Dunkel. Neun Monate wächst ein Kind heran, bevor es das Licht der Welt erblickt. Neun Monate Finsternis vor dem ersten Schrei. Dann ein Leben im Licht, aber nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens. Irgendwann stirbt der Mensch. Sein Körper wird der Erde übergeben. Er kehrt zurück in die Finsternis. Das Dunkel gehört zum Werden und Vergehen dazu.

 Wenn das Sonnenlicht schwindet, wird es ruhiger, dann kommt auch der Körper zur Ruhe. Der Geist kann sich erholen und träumen. Bis dann der Wecker klingelt. Und ein neuer Tag beginnt – oft noch vor dem Sonnenaufgang. Ganz anders im Judentum. Da beginnt der Tag mit dem Einbruch der Dunkelheit. Er beginnt mit dem Dunkel und dem Leben der Familie. Und so werden auch am Freitagabend kurz vor dem Sonnenuntergang die beiden Sabbatkerzen entzündet. Der Sabbat beginnt. Wer genau in das Licht der Kerzen schaut, entdeckt: da ist nicht nur Licht, da ist auch Dunkel. Die Flamme wächst aus dem Dunkel heraus. Und das Licht leuchtet in der Finsternis. 

Der Jesuit Paul Coutinho schreibt in seinem Buch über das „Heilige Dunkel“:

Sprecher
„Die Juden haben offensichtlich verstanden, dass das Dunkel der Grund des Seins ist. Eine Person findet nicht zu sich selbst, bevor sie nicht bei sich zuhause ist im Dunkel. Dunkle Stunden im Leben verändern den Menschen.“

Doch Menschen laufen vor dem Dunkel davon. Sie trauen ihm nicht. Obwohl in den großen Weltreligionen das Dunkel eine entscheidende Rolle spielt, so der Jesuit. Moslems beten mit dem Gesicht Richtung Mekka. Sie verneigen sich beim Gebet vor der Kaaba, dem Haus Gottes. Das würfelförmige Gebäude im Innenhof der Heiligen Moschee in Mekka gilt als das Allerheiligste. Es ist mit einem schwarzen Tuch mit Goldverzierungen bedeckt. Pilger gehen siebenmal gegen den Uhrzeigersinn um das Gebäude herum. Sie beginnen an einem schwarzen Stein, einem eingefassten Meteoriten. Das Umschreiten der Kaaba gilt auch als Gottesbegegnung.

Paul Coutinho stammt aus Indien und so schreibt er in seinem Buch auch über die Ähnlichkeiten zwischen hinduistischen Traditionen und dem Christentum: Während für Christen zu Gott unbedingt das Dunkel des Grabes gehört, das sich erst an Ostern als leer erweist, so gehört zum Eingang eines Hindu-Tempels eine Darstellung des Heiligen aus dunklem Stein. Sie weist darauf hin: Dies ist ein heiliger Ort. Menschen, die ihn betreten, reinigen sich mit fließendem Wasser. Der Jesuit deutet es so: Wer rein bleiben und Gott nahekommen möchte, darf auf seinem spirituellen Weg nicht stehen bleiben. Nein, er muss sich immer bewegen, wie das Wasser, um so auf dem Weg zu bleiben.

Sprecher
„Den Hindu-Tempel betreten Pilger und Beter barfuß. So treten sie ein in die Gegenwart des Göttlichen. Auf dem Weg in das Innere des Tempels gehen sie an Kerzen vorbei, an Räuchergaben und an Gottesbildern, bis sie vor dem Allerheiligsten stehen. Im Dunkel des Allerheiligsten begegnen sie ihrem Gott. Sie schauen ihn und werden von ihm angeschaut.“ 

Auch Christen begegnen Gott im Dunkel: In der Christnacht und in wenigen Wochen in der Osternacht. Zwar wird im Gottesdienst gleich zu Beginn betont: Das Licht der Kerze vertreibt das Dunkel der Nacht. Doch das, was in der Osternacht gefeiert wird, das geschieht tatsächlich im Dunkel der Nacht. Das Feuer wird erst entzündet, nachdem Gott an seinem Sohn gehandelt hat.

Paul Coutinho schreibt:

Sprecher
„Es scheint paradox zu sein, wenn ich denke: Gottes Ort ist in der totalen Dunkelheit. In heiligen Texten wie in religiösen Lehren wird Gott doch oft als Licht bezeichnet. Trotzdem: da die heilige Dunkelheit - ein Symbol für Gottes Wohnung. Ob im jüdischen Tempel, in der christlichen Kirche, im Hindu-Tempel, im Tempel der Buddhisten oder in der muslimischen Moschee.“

Gott ist eben doch ganz anders. Er bleibt unverfügbar.


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Dieser Beitrag wurde am 15.02.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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