Morgenandacht, 14.02.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

Liebe annnehmen

Valentin gilt als Patron der Liebenden. Die Legende erzählt: Im dritten Jahrhundert hat er in Rom unter Kaiser Claudius II. Paare nach christlichem Ritus getraut, obwohl das verboten war. Für sein Handeln wurde er angeklagt und hingerichtet. Valentin hat mit seinem Leben dafür bezahlt, dass er junge Menschen unter den besonderen Schutz Gottes gestellt hat.

Wer sich auf ein lebenslanges Abenteuer einlässt, kann den Schutz von oben gut gebrauchen. Aber auch die christliche Trauung ist keine Garantie dafür, dass die Ehe gelingt. Das war unter Valentin anders. Trauungen, die er geschlossen hatte, standen unter einem guten Stern. Aber das ist ja vielleicht auch nur Legende. In der Realität brennt das Feuer der Liebe nicht von allein. Paare müssen etwas dafür tun. Sonst stirbt die Flamme oder sie glimmt nur noch unter der Asche. Dann wird es kalt und irgendwann dunkel. Das macht Angst. Viele halten das nicht aus und laufen weg. Wollen anderswo Feuer machen und sich wärmen. Das Dunkel ist ihnen unheimlich.

Für den Jesuiten Paul Coutinho ist das Dunkel nicht unheimlich, es ist heilig. Denn in den dunklen Stunden des Lebens ereignet sich Entscheidendes. Neues bricht auf, im Dunkel und nicht im grellen Licht der Scheinwerfer. Wenn Menschen gescheitert sind und nicht weglaufen vor den Trümmern ihres Lebens, können sie gestärkt daraus hervorgehen. Nur, wer das Dunkel aushält, nimmt das erste Licht am Morgen wahr. Doch aushalten ist alles andere als bequem. Denn im Dunkeln fühlen Menschen sich unsicher. Die Augen, die sonst alles sehen, haben keine Chance. Bilder fehlen und ich bin gezwungen, mich auf mich selbst zu konzentrieren.

In dunklen Stunden kann ich ganz ohne Schweinwerfer auf das schauen, was ich selbst zum Scheitern einer Beziehung beigetragen habe. Was mein Anteil daran ist, was ich bin. Und dem kann ich mich stellen. Viele tun das auch in Gesprächen und Therapien. Sie erkennen: Auch diese Seiten gehören zu mir, einem einmaligen, liebenswerten Menschen. Ich kann vor diesen Seiten nicht weglaufen. Aber ich kann mit ihnen leben, wenn ich um sie weiß. Das befreit, es ist wie ein neuer Anfang, der alles verändert. Und niemand verurteilt mich. Noch nicht einmal Gott.

Nein, Gott verurteilt nicht, davon ist Paul Coutinho überzeugt:

Sprecher
„Wer du bist und was du getan hast, das sind zwei verschiedene Aspekte. … Du bist verantwortlich für dein Verhalten und du musst dich mit den Konsequenzen auseinander setzen.  Aber du bist ein Kind Gottes und nichts und niemand kann daran etwas ändern! Und weil das so ist, liebt dich Gott ohne Vorbehalte, so wie der barmherzige Vater, der für seinen verlorenen Sohn ein Festmahl bereitet hat.“

Und dann stellt der Exerzitienlehrer die entscheidende Frage: „Haben wir die Courage, Gottes Liebe zu empfangen, sie anzunehmen?“ Haben wir sie, obwohl jeder Mensch um seine eigenen Abgründe weiß?

Gott stellt keine Bedingungen, wenn es um seine Liebe geht. Doch er ist hilflos, ohnmächtig, wenn der Mensch diese Liebe nicht zulässt. Der verlorene Sohn, von dem im Evangelium erzählt wird, hat alles verloren. Das ganze Erbe durchgebracht. Er, der einst im Mittelpunkt stand, sitzt jetzt am Rand, im Dunkel. Er weiß nicht mehr weiter. In dieser Situation setzt er alles auf eine Karte und geht zurück zu seinem Vater. Er hat sonst niemanden. Aber er ahnt vermutlich: Wenn ich zurückkehre, dann muss ich für mein Verhalten einstehen. Im Evangelium wird nicht erzählt, wie schwer ihm der Heimweg gefallen ist. Aber das ist auch völlig unwichtig, denn das Entscheidende ist geschehen: Er ist umgekehrt. Und sein Vater? Der freut sich über alle Maßen. Weiß er doch: Das ist mein Kind. Es kommt zurück und vertraut mir.

Leben lässt sich nicht planen. Ich habe es nicht in der Hand. Ich habe noch nicht einmal mich selbst in der Hand. Dunkle Stunden kommen. In jedem Leben. Für Paul Coutinho sind es besondere Stunden, denn in ihnen kann ein Mensch über sich hinauswachsen, kann verzeihen und umkehren, sich so dem Leben neu zuwenden. Denn es wird ihm eine Kraft geschenkt, die nicht von dieser Welt ist.


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Dieser Beitrag wurde am 14.02.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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