Morgenandacht, 13.02.2017

von Andreas Brauns aus Schellerten

Dunkle Nacht

Auf der ersten Seite der Bibel heißt es: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Gen 1,1-2). Bevor also das Licht war, war Gott - in der Finsternis. Sie war ihm nicht fremd. Im Gegenteil.

Doch mir als Mensch ist die Finsternis fremd. Ich fürchte mich instinktiv vor ihr. Das Dunkel macht Angst.

Ganz anders sieht das Paul Coutinho, ein Jesuit, der aus Indien stammt und schon viele Jahre in Amerika lehrt. Er hat ein Buch geschrieben über das Dunkel. Der ungewöhnliche Titel: „Sacred Darkness“- „Heilige Finsternis“. Im Untertitel heißt es übersetzt: „Begegne der göttlichen Liebe in den dunkelsten Stunden des Lebens.“ Das irritiert. Ausgerechnet dort soll Gott zu finden sein, wo ich am Ende bin? Ja, gerade dort. Davon ist der Jesuit überzeugt.

Er hat schon oft im Leben beobachtet, wie das Dunkel alles verändert. Wie es sich ausbreitet, alles in sich aufsaugt. Das bleibt nicht folgenlos. Das Dunkel lässt Menschen mit ganzer Kraft und ganzer Hingabe kämpfen. Sie wachsen über sich hinaus. Paul Coutinho ist davon überzeugt: “Es ist das Dunkel, das Menschen dazu befähigt.“ Darum ist es für ihn wichtig, nicht vor dem Dunkel davonzulaufen, sondern sich ihm zu stellen, ja mehr noch: es zu umarmen. Das Dunkel umarmen? Was für eine Zumutung!

Daran hindert mich meine Angst. Ich halte das Dunkel nicht aus. Paul Coutinho hält dagegen:

Sprecher
„Die Weisen haben es immer schon verstanden: Zum Kern unseres Menschseins gehört das Dunkel. Gerade weil wir aus Gott geschaffen sind, ist da das unergründliche Dunkel, das in uns wirkt. Nicht zuletzt in der Finsternis begegnen wir Menschen der Stille und dem Heiligen. In dunklen Phasen des Lebens können wir Gott begegnen - auf überraschende Weise, abseits der Bilder und unserer Erwartungen. Im Herzen des Menschen ist eine Schönheit, die unermesslich ist, mysteriös und grenzenlos.“

Sie übersteigt alles und geht nicht verloren. Auch nicht in der Finsternis. Paul Coutinho schreibt in seinem Buch:

Sprecher
„Das Licht kommt aus dem Dunkel heraus. Es ist Teil des Dunkel. Und weil das Dunkel zum Kern der Schöpfung gehört, hat es sein Pendant in jedem von uns - in den Dunkelheiten des Lebens. … In den dunklen Momenten und in den schweren Auseinandersetzungen im Leben, da erkennen Menschen oft das Schöne und die Kraft, die in ihnen selbst verborgen ist. Das Dunkel verbreitet Licht in unserem Alltag und es hilft uns nicht nur, damit zurecht zu kommen, sondern gut und kraftvoll mit den schweren Situationen umzugehen. Dieses Licht kommt aus dem Dunkel in unserem Innersten. Dieses Licht – aus der dunklen Höhle unseres Seins – bringt uns zurück zur Quelle unseres Lebens. Da ist Ruhe, da ist Frieden - und die Kraft in der dunklen Höhle unseres Daseins, in der Gott selbst gegenwärtig ist.“

Gott, der im Dunkel war und aus dem Dunkel das Licht geschaffen hat, ist auch in mir gegenwärtig. Im Dunkel. Darum, so der Jesuit, kann ich das Dunkel annehmen, es umarmen, und die Kraft finden zu vertrauen auf das Licht. Nicht jedem gelingt das. Wer aber mit dem Dunkel ringt, der findet – mit Gottes Gnade – vielleicht zurück ins Leben. Oft mit mehr Energie als vor der Krise, so die Überzeugung von Coutinho. Das, so betont er, habe der Mensch nicht aus sich heraus. Das verdankt er seinem Schöpfer.

Das alte Sprichwort „Not lehrt beten“ erinnert daran, von wem Menschen sich Hilfe erhoffen – von Gott. Der muss allerdings gar nicht erst herbeieilen, er ist schon da. Mitten in der Not, im Dunkel. Wer in der Not betet, kann darauf vertrauen: Ich bin nicht allein. Gott ist bei mir. Allerdings vermutlich nicht so, wie ich es von ihm erwarte und erhoffe. Nein, er ist nicht mein Gott, er ist Gott, nicht nach meinen Vorstellungen, er ist ganz anders. Er ist so für mich da, wie ich es nie erwarten würde. Das ist nicht unbedingt tröstlich, doch eine andere Botschaft gibt es nicht, wenn Gott Gott bleiben soll. 


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Dieser Beitrag wurde am 13.02.2017 gesendet.


Über den Autor Andreas Brauns

Andreas Brauns wurde 1962 geboren. Er ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Nach dem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau absolvierte er seinen Zivildienst in Hannover. Während dieser Zeit gab es erste Kontakte zur kirchlichen Rundfunkarbeit. Seit 1995 arbeitet er als Redakteur im „Katholischen Rundfunkreferat für den NDR“. Zudem arbeitet er seit einigen Jahren auch als Beauftragter für Funk- und Fernsehen im Bistum Hildesheim. Ein Wort des Apostels Paulus im Römerbrief begleitete ihn seit dem Studium: „Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“

Kontakt
andreas.brauns@bistum-hildesheim.de


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