Morgenandacht, 21.01.2017

von Claudia Nieser aus Paderborn

Daphnes Gelassenheit

Im Lateinunterricht habe ich Ovids weltberühmtes Werk „Metamorphosen“ kennengelernt.

Das Wort „Metamorphose“ heißt übersetzt „Verwandlung“, und tatsächlich erzählt Ovid in seinem Werk Verwandlungsgeschichten. Die Verwandlung kann ein Wesen als Strafe ereilen, manchmal aber auch als Rettung oder gar als Belohnung. So ist es zum Beispiel bei einer meiner Lieblingsgeschichten, der Geschichte der keuschen Nymphe Daphne. Daphne wird von dem liebestollen Gott Apoll verfolgt und fleht ihren Vater, den Flussgott Peneios, an, sie zu retten. Der erhört ihre Bitte und verwandelt sie in einen Lorbeerbaum. In dieser Gestalt ist sie vor Apolls Zudringlichkeit sicher.

Mich fasziniert an dieser Geschichte, dass Verwandlung etwas ganz natürliches zu sein scheint. Daphne scheint in der Möglichkeit, die Gestalt zu wechseln und zu einem Baum zu werden, eine willkommene Gelegenheit zu sehen. Das ist durchaus erstaunlich. Schließlich beschreibt Ovid, wie Daphnes Glieder erstarren, wie Rinde ihren Körper überzieht, wie ihre Arme zu Ästen werden... wäre Daphne erschrocken gewesen, entsetzt oder verzweifelt, wäre das keine große Überraschung gewesen. Ovids Beschreibung lässt jedoch nichts von Angst oder unguten Gefühlen erkennen.

In Ovids Welt scheinen Wesen wie Daphne Teil eines größeren Ganzen, aus dem sie auch dann nicht herausfallen, wenn sich ihre Gestalt verändert. Das ist vielleicht der Grund für Daphnes Gelassenheit. Ich stelle mir sogar vor, dass sie als Baum, mit ihren starken Wurzeln, die sie in der Erde verankern, diesem großen Ganzen näher ist als zuvor, als sie noch leichtfüßig über die Erde lief. Ich stelle mir vor, dass sie unmittelbarer Teil davon geworden ist und mit allem versorgt wird, was sie zum Leben benötigt.

Ovids Vorstellungswelt ist natürlich keine christliche Vorstellungswelt. Trotzdem fühle ich mich von der engen Verbindung angesprochen, die die Kreaturen dieser Welt zur Natur, zu dem sie umgebenden größeren Ganzen, zum Urgrund allen Seins zu haben scheinen. Vielleicht übertrage ich auch Vorstellungen aus meinem eigenen Glauben auf diese antike Geschichte. Denn die Sehnsucht nach Einheit mit einem Urgrund ist dem christlichen Glauben nicht fremd. Vor allem in der Mystik des Hochmittelalters gibt es die Vorstellung der „unio mystica“ – der mystischen Vereinigung des Menschen mit Gott.

Anklänge an diese Vorstellung kann man schon in der Heiligen Schrift entdecken. Im Johannesevangelium lautet ein berühmter Ausspruch Jesu: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht. Denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.“ (Joh 15,5)

Demnach kann der Mensch in einer so engen Verbindung zu Jesus stehen wie die Weinreben zu einem Weinstock. Reben werden vom Weinstock mit allem versorgt, was sie zum Leben brauchen – ein wenig wie Daphne nach ihrer Verwandlung.

Über die bis heute große Beliebtheit der Bildrede vom Weinstock und den Reben kann man ähnlich erstaunt sein wie über Daphnes klaglos hingenommene Verwandlung. Drückt das Bild nicht in erster Linie Unselbstständigkeit und Abhängigkeit aus? „Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“, sagt Jesus. Ist das nicht eine Zumutung für moderne Menschen, denen nichts so heilig ist wie ihre Freiheit, ihre Autonomie, ihre Individualität?

Wahrscheinlich spürten Christinnen und Christen aller Epochen, dass das Bild vom Weinstock und den Reben keine Freiheitsberaubung ausdrückt, sondern in erster Linie eine Entlastung. Wenn wir „in Kontakt“ zu Jesus Christus bleiben, in Beziehung zu ihm, dürfen wir darauf vertrauen, mit allem wichtigen versorgt zu werden, was wir brauchen, um zu wachsen und Frucht zu bringen. Diese Verheißung hält der christliche Glaube bereit: dass dem Menschen im Glauben vieles geschenkt wird, dass nicht alles seiner eigenen „Leistung“ und seiner eigenen Anstrengung obliegt, dass er sich Zeit lassen und einfach wachsen darf.. Die Quelle des Lebens ist ganz nah und lässt reiche Frucht wachsen.


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Dieser Beitrag wurde am 21.01.2017 gesendet.


Über die Autorin Claudia Nieser

Dr. Claudia Nieser wurde 1972 in Neunkirchen/Saar geboren. Sie studierte katholische Theologie an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken) und der Theologischen Fakultät Trier und absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk. Seit 2001 arbeitet Claudia Nieser als Redakteurin in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. An der Eberhard Karls Universität Tübingen promovierte sie mit einer Arbeit über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar.

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