Morgenandacht, 20.01.2017

von Claudia Nieser aus Paderborn

Leichtes Gepäck

Wahrscheinlich finden sich auch in Ihrer Wohnung Gegenstände, von denen Sie einmal geglaubt haben, dass Sie sie unbedingt brauchen. Gegenstände, die sie nach dem Kauf in den Schrank gestellt und nie wieder hervorgeholt haben. Der Pullover, der vorm Spiegel zu Hause gar nicht mehr so schick aussah wie im Geschäft. Das Buch, das sie unbedingt lesen wollten, obwohl auf dem Couchtisch doch schon drei angefangene Bücher lagen, die Vase, die in der Wohnung wohl doch nicht so schön aussah...

Erfahrungen wie diese sind nicht zuletzt eine Folge des Überangebots an Waren, an Konsumartikeln, das uns überall begegnet. Selbst wenn wir uns zu den kritischen Konsumenten zählen, passiert es uns, dass wir uns dazu verleiten lassen „zu viel“ zu kaufen – einfach deshalb, weil es „zu viel“ gibt. Überall laden Warenregale dazu ein, eine Auswahl zu treffen. Und wir glauben viel zu häufig, eine Auswahl treffen zu müssen, obwohl wir doch auch einfach am Regal vorbeigehen könnten.

Die deutsche Band „Silbermond“ hat diese Erfahrung des „Zu viel“ zu ihrem bekannten Lied „Leichtes Gepäck“ verarbeitet. Zum Beispiel so:

Musikeinspielung
„Du siehst dich um in deiner Wohnung / siehst ein Kabinett aus Sinnlosigkeiten / Siehst das Ergebnis von kaufen und kaufen / von Dingen, von denen man denkt, man würde sie irgendwann brauchen.“

Der Refrain beschreibt den Ausweg aus dieser Lage:

Musikeinspielung:
„Eines Tages fällt dir auf / dass du 99 Prozent nicht brauchst / Du nimmst all den Ballast / und schmeißt ihn weg / Denn es reist sich besser / mit leichtem Gepäck.“

Tatsächlich auf 99 Prozent von allem zu verzichten und einfach wegzuschmeißen – das ist etwas, das wohl nur die wenigsten über sich bringen würden. Und doch kann die Erfahrung, wie wenig man eigentlich zum Leben braucht, erleichternd sein. Ich mache diese Erfahrung immer dann, wenn ich meinen Rucksack für eine Bergtour packe. Ich trage diesen Rucksack während der gesamten Tour auf dem Rücken, bei Wanderungen, die manchmal acht Stunden dauern und bei denen es entweder bergauf oder bergab geht. Da überlegt man sich genau, auf was man für die nächsten Tage verzichten kann. Und das ist erstaunlich viel.

Die Erkenntnis, mit wie wenig man auskommt, ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Erfahrung, dass das Leben durch den Verzicht nicht kleiner und enger, sondern größer und weiter wird. Wenn man mit dem Rucksack in den Bergen unterwegs ist, fallen viele Entscheidungen einfach weg. Es gibt keine Warenregale aus denen man sich den Tagesablauf zusammenstellen kann. Man isst, trinkt und wandert, um das nächste Ziel, die nächste Hütte, zu erreichen. Das erlebe ich als enorme Erleichterung, enorme Befreiung. Der Weg durch die Berge mit seinen Höhen und Tiefen bringt mich dem Kern meines Lebensweges nahe, ohne Ablenkung durch ein Überangebot.

Dass das Leben weit wird, wenn es sich auf das Wesentliche reduziert, ist eine zutiefst geistliche Erfahrung. Ich könnte mir vorstellen, dass sie auch am Ursprung vieler Berufungen zum Ordensleben steht. Von Außenstehenden wird eine solche Entscheidung möglicherweise als Einschränkung betrachtet: Warum der Verzicht auf so viele Annehmlichkeiten des Lebens? Warum dieses Leben mit einem fest geregelten Tagesablauf, mit vorgeschriebenen Gebets- oder Arbeitszeiten?

Würde man Menschen, die einer solchen Berufung gefolgt sind, fragen, erhielte man vermutlich die Antwort, dass das von ihnen gewählte Leben überhaupt nichts mit Einschränkung oder Enge zu tun hat, sondern mit dem Gegenteil: mit Weite, mit Freiheit. Aufgrund der einen, radikalen Entscheidung, die man für sein Leben getroffen hat, muss man die zahllosen Regale mit dem Überangebot für das eigene Leben gar nicht mehr beachten.

Ordensleute würden den Refrain aus dem Lied „Leichtes Gepäck“ vermutlich doppelt unterstreichen: „Eines Tages fällt dir auf / dass du 99 Prozent nicht brauchst / Du nimmst all den Ballast / und schmeisst ihn weg / Denn es reist sich besser / mit leichtem Gepäck.“


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Dieser Beitrag wurde am 20.01.2017 gesendet.


Über die Autorin Claudia Nieser

Dr. Claudia Nieser wurde 1972 in Neunkirchen/Saar geboren. Sie studierte katholische Theologie an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken) und der Theologischen Fakultät Trier und absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk. Seit 2001 arbeitet Claudia Nieser als Redakteurin in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. An der Eberhard Karls Universität Tübingen promovierte sie mit einer Arbeit über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar.

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