Morgenandacht, 19.01.2017

von Claudia Nieser aus Paderborn

Eine Insel – Liebe – Gott

Kennen Sie auch solche Lieder, bei denen Sie sich nicht sicher sind, ob es sich nun um ein Liebeslied handelt oder doch eher um ein Gebet? Ob es sich also an einen geliebten Menschen richtet oder an Gott? Ich stelle mir die Frage zum Beispiel immer, wenn ich das Lied „Eine Insel“ des Berliner Liedermachers Klaus Hoffmann höre. Das Lied wurde bereits 1979 veröffentlicht, hat also bereits einige Jahre auf dem Buckel. Es begleitet mich seit Jahrzehnten, in den unterschiedlichsten Zusammenhängen.

Das Lied beginnt mit den folgenden Worten:

Musikeinspielung:
Ich habe mich so oft verloren, / zieh' von Ort zu Ort, / nirgendwo bin ich zuhause, / laufe vor mir selber fort./ Ich suche deine Liebe / und ziehe mit dem Wind, / um dich zu finden, /meine Insel.

Und im Refrain heißt es:

Musikeinspielung:
Mein Eiland, mein Schutz, / meine Liebe zu ihr bleibt ungenannt / und tiefer als das Meer.

„Meine Insel“ – damit kann ein geliebter Mensch gemeint sein, den man nach langem Umherirren auf dem Meer des Lebens endlich gefunden hat. Lange hat man nach dieser Liebe gesucht, hat sich nach ihr gesehnt und die Hoffnung vielleicht sogar schon aufgegeben – doch nun ist sie endlich da.

Die Verse kann man aber auch als die Beschreibung einer Gottsuche verstehen, allgemeiner vielleicht auch eine Suche nach einem tieferen Sinn im Leben. Nirgendwo hat man bisher ein Zuhause gefunden, nirgendwo ist man lange geblieben, doch jetzt hat man endlich festen Boden unter den Füßen, eine feste Bleibe. Jetzt ist sie da, die Antwort, die Halt gibt und dafür sorgt, dass man nicht mehr vor sich selbst davonlaufen muss.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Klaus Hoffmann einen geliebten Menschen vor Augen hatte, als er diesen Text geschrieben hat, oder ob es ihm eher um die Beschreibung einer lebenslangen Suche nach Sinn, nach Wahrheit oder nach dem Göttlichen ging. Manchmal höre ich „Eine Insel“ als Liebeslied, manchmal höre ich das Lied als Gebet, und ich glaube nicht, dass der Künstler ein Problem damit hat, dass seine Fans das Lied auf unterschiedliche Weise verstehen.

Es ist natürlich keine neue Erkenntnis, dass sich die Sprache der Liebe und die Sprache des Gebets ähneln können. Liebe kann eine spirituelle Dimension haben – und hat sie vielleicht sogar immer, wenn sie wahrhaftig ist. Das Gefühl der Liebe sprengt die engen Grenzen der eigenen Person, macht das Leben weiter und reicher – und das, durchaus paradox, obwohl man sein Leben nun nicht mehr „für sich“ hat, sondern es mit jemandem teilt. Ähnliches kann man von jenen Erfahrungen sagen, die man macht, wenn man betet und Gottes Nähe erfährt. Die Erfahrung, dass man nicht allein ist auf seinem Lebensweg, gibt Sicherheit und lässt Vertrauen wachsen. Die Erfahrung, von Gott geliebt zu werden, macht das Leben weit und tief.

In der kirchlichen Tradition findet man vor allem bei den Mystikerinnen und Mystikern des Hochmittelalters Texte, die die Sprache der Liebe verwenden, um ihre sehr enge Beziehung zu Gott zu beschreiben und das Glück, das sich dabei erfahren lässt. Zum Beispiel Mechthild von Magdeburg, die poetische Bilder und eine geradezu erotische Sprache verwendet, um die Sehnsucht der menschlichen Seele nach Gott zu beschreiben. In ihrem Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ heißt es zum Beispiel:

Du gießender Gott in deiner Gabe!
du fließender Gott in deiner Minne!
du brennender Gott in deiner Sehnsucht!
du schmelzender Gott in der Einung mit deinem Lieb!
du ruhender Gott an meinen Brüsten!
Ohne dich kann ich nicht mehr sein.

Diese mystische Sprache ist eine andere Sprache als die der hochgelehrten Theologie, es ist auch eine andere Sprache als diejenige, die in Liturgie oder Katechese üblich ist. Wo Gott wirklich und wahrhaft die menschliche Seele berührt, löst das eine Sprache aus, die überall verstanden werden kann.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 19.01.2017 gesendet.


Über die Autorin Claudia Nieser

Dr. Claudia Nieser wurde 1972 in Neunkirchen/Saar geboren. Sie studierte katholische Theologie an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken) und der Theologischen Fakultät Trier und absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk. Seit 2001 arbeitet Claudia Nieser als Redakteurin in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. An der Eberhard Karls Universität Tübingen promovierte sie mit einer Arbeit über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche