Morgenandacht, 18.01.2017

von Claudia Nieser aus Paderborn

Über dem Regenbogen

Musikeinspielung
Somewhere over the rainbow, way up high

There’s a land that I heard of, once in a lullaby

Irgendwo über dem Regenbogen, hoch da oben,
da gibt es ein Land, von dem ich einst in einem Wiegenlied hörte.
[Übersetzung Teil der ersten Strophe „Somewhere over the rainbow“]

Autorin
Mit diesen Worten beginnt das berühmte Lied „Over the rainbow“ aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ (1939). Judy Garland sang es als erste, in ihrer Rolle als Dorothy Gale, der Heldin im Film. Dorothy Gale ist ein Mädchen, das bei Onkel und Tante auf einer Farm in Kansas aufwächst und Angst um ihren geliebten Hund hat, der der unfreundlichen Nachbarin ein Dorn im Auge ist. Von einem Wirbelsturm wird sie ins magische Land Oz getragen, erlebt dort Abenteuer und besiegt eine böse Hexe, um schließlich wieder nach Kansas zurückzukehren. Denn, so Dorothy am Ende: „Es ist nirgendwo so schön wie daheim.“

Diesen Spannungsbogen gibt es in vielen Geschichten mit märchenhaftem Charakter. Auf der einen Seite ist da die Sehnsucht nach einem wunderbaren Anderswo, nach einem Land „irgendwo über dem Regenbogen“, in dem man dem grauen, eintönigen Alltag entkommen kann. Doch auf der anderen Seite gibt es auch ein starkes Bewusstsein davon, dass diese magische Welt nicht die Wirklichkeit ist und dass das wahre Leben dann doch nicht dort spielt, sondern eben auf dieser unserer Erde.

Die Gefahr der Weltflucht existiert ja tatsächlich, die Gefahr, sich aus der rauen Wirklichkeit in imaginäre Welten zu fliehen, in denen es schöner und aufregender ist. Diese Welten mögen Oz, Mittelerde oder eine weit weit entfernte Galaxis sein. Manchmal handelt es auch einfach nur um die glamouröse Welt berühmter Stars in Sport oder Film, deren Leben einem viel erstrebenswerter erscheint als das eigene.

Flucht in andere Welten – dieses Thema beschreibt in diesen Tagen allerdings auch eine ganz harte Realität, die gar nichts mit Hexen, Elben oder Jedi-Rittern zu tun hat. Abertausende von Menschen sind gegenwärtig auf der Flucht aus einer rauen Wirklichkeit in ein Land, in dem man sich ein schöneres Leben erhofft. Menschen fliehen in eine andere Welt, weil es in ihrer Heimat aufgrund von Krieg und Vertreibung unerträglich geworden ist.

Der britisch-indische Schriftsteller Salman Rushdie hat das Lied „Over the Rainbow“ in einem Text aus dem Jahr 1992 auf die Migranten dieser Welt bezogen. Er schreibt: „'Over the Rainbow' ist – oder sollte es zumindest sein – die Hymne aller Migranten der Welt, all jener, die sich auf die Suche nach einem Platz begeben, wo die 'Träume, die man zu Träumen wagt, tatsächlich wahr werden'". Und weiter: „Dieser Song feiert das Entfliehen, ist ein Lobgesang auf das entwurzelte Ich, eine Hymne, die Hymne an das Anderswo." 1

Ich finde, es lohnt sich, das Lied mit diesen Aussagen Rushdies im Hintergrund zu hören – dann verschwindet die romantische, süßliche Anmutung schnell, die man ihm möglicherweise zuschreiben mag.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ist „Over the Rainbow“ für mich viel mehr als eine Anstiftung zur Weltflucht. Das Lied ist in der Tat eine Hymne – für alle, die die Sehnsucht nach dem berühmten „Mehr“ im Leben nicht beunruhigt, sondern anspornt. Es ist ein Lied der Hoffnung darauf, dass da mehr ist, des Glaubens daran, dass da mehr ist. Für mich ist es auch die große Hymne an die Macht der Fantasie, die ganz ohne Zweifel zu den wunderbarsten Dingen zählt, über die der menschliche Geist verfügt. Keiner der kleinen oder großen Diktatoren dieser Welt hat es jemals geschafft und wird es jemals schaffen, dieser Macht Einhalt zu gebieten. Die Gedanken sind frei – und werden es immer bleiben.

Am Ende des Lieds „Over the Rainbow“ blickt Judy Garland als Dorothy nach oben in den grauen und wolkenverhangenen Himmel und sieht, dass sich dort eine Lücke aufgetan hat. Sonnenstrahlen fallen heraus und schenken dem tristen Land etwas Licht. So ist das mit der Macht der Fantasie, die Dorothy mit ihrem Song kurz zuvor beschworen hat: Sie hält uns den Himmel offen.  


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Dieser Beitrag wurde am 18.01.2017 gesendet.


Über die Autorin Claudia Nieser

Dr. Claudia Nieser wurde 1972 in Neunkirchen/Saar geboren. Sie studierte katholische Theologie an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken) und der Theologischen Fakultät Trier und absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk. Seit 2001 arbeitet Claudia Nieser als Redakteurin in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. An der Eberhard Karls Universität Tübingen promovierte sie mit einer Arbeit über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar.

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