Morgenandacht, 17.01.2017

von Claudia Nieser aus Paderborn

In den Farben getrennt, in der Sache vereint

Am 13. März 2016 kam es im Dortmunder Signal Iduna Park zu denkwürdigen Szenen. Borussia Dortmund gewann an diesem Tag gegen den FSV Mainz 05 mit 2:0, doch das geriet völlig in den Hintergrund. Was war geschehen? Im Verlauf der zweiten Halbzeit machte im Stadion die Nachricht die Runde, dass ein 80jähriger Fan einen Herzinfarkt erlitten hatte und noch im Stadion verstorben war.

Die Folge war eine fast gespenstische Stille in einem mit 80.000 Menschen gefüllten Stadion. Nicht einmal ein Tor für die Heimmannschaft änderte etwas an der gedrückten Stimmung. Auch die gegnerischen Fans aus Mainz bekamen das Geschehen mit und schlossen sich dem Schweigen an.

Erst kurz vor Spielende beendete die Dortmunder Südtribüne die Stille – aber nicht mit Jubel, sondern mit dem Anstimmen der inoffiziellen Vereinshymne „You’ll never walk alone“ – „Du wirst nie alleine gehen“, die traditionell vor jedem Heimspiel gesungen wird. Nach dem Abpfiff verzichteten auch die Spieler auf größeren Jubel.

Große Menschenmassen haben ja eigentlich keinen besonders guten Ruf und wirken auf viele beängstigend. Menschen verhalten sich in der Masse in der Regel anders als sie es allein oder in kleinen Gruppen tun würden. Denn Emotionen, die in der Masse zutage treten, stecken an und verstärken sich, und es ist schwer, sich davor zu schützen. Jeder hat vermutlich sofort Bilder vor Augen, wozu solche potenzierten Gefühle führen können. Schlimmstenfalls sind das Bilder von fanatisierten Mobs, die in blindem Hass auf alles losgehen, was ihnen aus irgendwelchen Gründen nicht passt. Auch der Sport und gerade der Fußball kann ein trauriges Lied davon singen, welche Gewalt Menschenmassen entfachen können.

Umso bemerkenswerter finde ich das, was sich am 13. März 2016 in Dortmund abgespielt hat. Beeindruckend war nicht nur, wie einig sich Borussen-Fans und Gästefans darüber waren, dass Fußball aufgrund der traurigen Vorkommnisse an diesem Spieltag völlig zweitrangig war. Beeindruckend war auch, wie eine Masse von 80.000 Menschen spontan einen Ritus der Trauer und des Gedenkens an den verstorbenen Fan entwickelte, der in dieser Situation völlig passend war. Die Sprache, die Ausdrucksformen waren nicht religiös, sondern bedienten sich jener Formen, die an diesem Ort nun einmal üblich sind. Deshalb wirkte es nicht pathetisch, sondern authentisch.

In den sozialen Netzwerken gab es übrigens auch keine zwei Meinungen. „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“, war häufig zu lesen – einen Satz, den man immer wieder liest, wenn sich gegnerische Fanlager bezüglich einer Sache, die über den Fußball hinausgeht, einig sind – zum Beispiel wenn es um ein Aufstehen gegen Fremdenfeindlichkeit geht.

Über das Verhältnis von Fußball und Religion ist schon viel geschrieben worden. Gewisse Ähnlichkeiten liegen auf der Hand, und gerade in einer Stadt wie Dortmund, in der schwarz-gelbe Gottesdienste gefeiert werden, verschwimmen die Grenzen schon einmal. Mir kommt beim Anschauen dieser Szenen, in denen eine Menschenmasse zu einer Einheit wird, in der Menschen in den Farben getrennt, in der Sache vereint sind, eine Vorstellung aus meiner eigenen, christlichen Tradition in den Sinn. Die Vorstellung von einer einheitsstiftenden Kraft, die Menschen zu einen vermag, ohne den einzelnen „seiner Farbe“ zu berauben, ohne ihn also in der Masse untergehen zu lassen.

Die christliche Tradition hat diese Macht „Geist“ genannt, „Heiliger Geist“, eine der drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit. Diese Person steht dafür, dass es manchmal einer Kraft, vielleicht auch eines Schutzes von außen bedarf, damit aus einer Zahl unterschiedlicher Menschen eine Gruppe wird, eine Einheit, die ein gemeinsames Ziel verfolgt und doch unterschiedliche Farben aufweist. Ein solcher Geist wehte am 13. März auch durch das Dortmunder Westfalenstadion.

„In den Farben getrennt, in der Sache vereint“ - ich wünsche mir manchmal, dass sich die Religionen, die christlichen Konfessionen, die innerkirchlichen Gruppen diese „Fußballweisheit“ häufiger auf die Flaggen schreiben würden als sie es gegenwärtig tun.


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Dieser Beitrag wurde am 17.01.2017 gesendet.


Über die Autorin Claudia Nieser

Dr. Claudia Nieser wurde 1972 in Neunkirchen/Saar geboren. Sie studierte katholische Theologie an der Universität des Saarlandes (Saarbrücken) und der Theologischen Fakultät Trier und absolvierte ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk. Seit 2001 arbeitet Claudia Nieser als Redakteurin in der Presse- und Informationsstelle des Erzbistums Paderborn. An der Eberhard Karls Universität Tübingen promovierte sie mit einer Arbeit über die algerische Schriftstellerin Assia Djebar.

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